358
„Haben Sie von ihm denn gar keine Spur gefunden?
Hatte es gar nichts an sich, an dem es zu erkennen gewesen
ind was zu seiner Auffindung hätte führen können 7*
„Doch“, entgegnete der Oberst, „ein Mal in Gestalt von
zwei rothen Kirschen am linken Oberarm.“
Da ertönte ein leiser Aufschrei und Frau du Hallin
hielt eine Ohnmächtige in den Armen.
Lange blieben alle Bemühungen, die Ohnmächtige zur
Besinnung zurückzurufen, vergeblich. Der Arzt befahl, ihr
Oberkleid zu öffnen. Die Herren zogen sich zurück, erstaunt
und besorgt über diese unerwartete Unterbrechung der Unter—
haltung. Der Doktor machte ein bedenkliches Gesicht und
hielt einen kleinen Aderlaß für angemessen. Frau du Hallin
entblößte den linken Oberarm der Ohnmächtigen und das
erwähnte Muttermal in Gestalt von zwei Kirschen war
gefunden.
„Wir haben die verloren geglaubte Tochter gefunden,“
bemerkte ruhig der Arzt, „warten wir, bis sich das Fräulein
wieder erholt hat.“ Dies geschah auch bald und nach Ver—
lauf einer Stunde saß Melanie wieder im Kreise der Gesell—
schaft in kurzen Zügen erzählend, was sie von ihrer frühesten
Kindheit wußte. Der Oberst lauschte in höchster Erregung
auf jedes über die Lippen des schönen Mädchens kommende
Wort und als ihre Erzählung beendet war, rief er aus:
„Ja, Du bist meine langbeweinte Melanie, Du bist mein
Kind, das ich wieder gefunden habe und von dem mich nur
der Tod trennen soll!“ Lant weinend barg er sein Haupt
in ihrem Schooß. Mit Thränen in den Augen umstanden
schweigend das Eheepaar du Hallin und Dr. Lefebre die
Gruppe, Melanie aber hob den Obersten sanft empor und
sagte mit einem unaussprechlichen Blicke nach Oben:
„O, Du allgütiger Gott! Ja eine innere Stimme sagte
es mir, daß ich meinen Vater gefunden habe!“ Sie barg
ihr schönes Haupt an der Brust des Obersten und ihre
Thränen vereinigten sich mit denen des Mannes, bei dem
seit dem Tode der Gattin die erleichternde Quelle der Zähren
vollständig versiegt war.