Full text : Feierabend-Stunden

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Fritz Bartholdy schritt auf die bleiche und vor Weh—
muth und Angst bebende Jungfrau zu und reichte ihr die
von den Fesseln noch geröthete Hand. „Dorothea“, sprach
er mit bebender Stimme, „haben Sie Dank für Ihr edles
Bemühen und die Freundlichkeit, die Sie auch in den Tagen
der Trauer und des Unglücks meiner armen unglücklichen
Mutter bewahrt haben! Der gute Gott möge Ihnen lohnen,
daß Sie als sein Schutzgeist in diesem Hause des Unglücks
erschienen sind!“
Dorothea vermochte nicht, ein Wort hervorzubringen;
ihren thränenfeuchten Blick schmerz- und mitleidsvoll zu dem
jungen Mann erhoben, reichte sie ihm die zitternde Hand
und deutete auf das Nebenzimmer, wo sein Vater den Schlaf
der Ewigkeit schlief. Fritz verstand diese stumme Aufforde—
rung und trat in die Sterbewohnung, nicht ohne daß sich
zuvor der begleitende Criminalbeamte überzeugt hatte, daß
eine Flucht von hier aus für den Gefangenen unmöglich sei.
Während der Sohn drinnen schluchzend an dem Todten—
bette des Vaters kniete, herrschte in dem Wohnzimmer unter
Allen tiefe, feierliche Stille; kein Wort wurde gewechselt und
selbst auf dem steinernen Gesichte des fürstlichen Criminal—
gerichts-Beamten spiegelte sich etwas wie Rührung ab, die
ihm das Familiendrama einflößte, das sich eben hier vollzog.
Als er nach etwa einer Viertelstunde leise die Thüre öffnete,
um zur Rückkehr zu mahnen, da stand Friedrich aufrecht
vor dem Bette seines Vaters, mit der Linken dessen kalle
Hand fest umschlingend, die Rechte aber wie zum Schwur
nach oben erhoben. Kein Wort kam über seine Lippen und
nur, als er zum Scheiden sich wenden mußte, da drückte er
noch einen letzten Kuß auf die Stirne des Todten und dumpf
klang das „Lebe wohl, mein guter Vater! Gott schenke dir
den ewigen Frieden!“ durch den stillen Raum—
Als Friedrich sich hierauf an das Schmerzenslager der
Mutter begab, war diese eben aus ihrer Ohnmacht erwacht; sie
erkannte ihren Sohn sofort und schlang beide Arme um den
Hals des sich zu ihr Niederbeugenden, als wollte an der
Mutterbrust sie den Sohn schühen vor den Verfolgungen
            
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