Full text : Feierabend-Stunden

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„Mein Herr! Auch ich bin verwundet, bin Offizier und
Edelmann. In dieser Stunde lassen Sie uns vergessen,
daß wir im Kampfe uns feindlich gegenübergestanden! Kann
ich Ihnen in etwas dienen, dann nehmen sie die Versicherung,
daß es mit freudigem Herzen geschieht.“
Diese edle Sprache schien den Haß des Franzosen zu
brechen; er stützte sein Haupt mit der Rechten und antwortete:
„Vor Allem danke ich Ihnen, mein Herr, daß Sie mich
von den Martern der Räuber befreit haben ... Das Reden
hält mir schwer .. .. ich leide fürchterlichen Durst . ..
ein Trunk Wasser ....!“
„Ich werde ihn herbeischaffen; einstweilen nehmen Sie
einen Schluck“, mit diesen Worten beugte sich der Offizier
zu dem Verwundeten und reichte ihm die Feldflasche.
„Haben Sie Dank, mein Herr,“ sagte er mit bewegter
Stimme, dann sank er in seine vorige Lage zurück.
„Ich werde bald wieder hier sein,“ tröstete der Deutsche
und entfernte sich mit der brennenden Laterne. Er wußte,
daß nicht weit entfernt von dem Weidenbaum ein Bach floß
und mit vieler Anstrengung füllte er einen der Feldkessel,
welche zerstreut auf dem Schlachtfelde umherlagen und begab
sich alsddann mit dem Wasser zu dem Verwundeten zurück.
In einem Lederbecher reichte er dem Schmachtenden den
Labetrunk.
„Dank, tausendmal Dank,“ rief der Franzose lebhaft aus
und streckte dem Preußen die Rechte enigegen.
Beide schüttelten sich die Hände. „Ich werde mich neben
Sie betten,“ sagte der Preuße, „vorher aber will ich ver—
suchen, Sie besser zu legen.“ Dies geschah vermittelst einiger
Tornister, die er in der nächsten Naͤhe fand; alsdann legte
er einen wärmenden Mantel um die verwuͤndete Schulter
des französischen Offiziers und streckte sich neben den feind—
lichen Leidensgefährten nieder. Beide wechselten noch wenige
Worte, dann senkte sich der Schlaf tiefer Ermattung auf
sie hernieder, aus dem sie nicht eher erwachten, bis eine
Husaren-Patrouille und ein Felbgendarm vor ihnen standen.
            
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