Full text : Feierabend-Stunden

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wenn auch nur für kurze Zeit, sehen würde, war jeder an—
dere Gedanke in dem gemarterten Mutterherzen zurückgedrängt;
ruhig, fast theilnahmlos saß die arme Frau neben dem lieb—
lichen Mädchen, und nur das krampfhafte Zucken, welches
zuweilen um ihre Mundwinkel schwebte und die tiefen Seufzer,
welche ihrer Brust entstiegen, gaben Zeugniß von dem
Seelenleiden, das auch in diesem Augenblick ihr Inneres
beherrschte.
Ein Fuhrwerk ließ sich jetzt hören und als es vor dem
Hause Bartholdys anhielt, erhoben sich instinktmäßig beide
Frauen und traten an das Fenster. Aus einer zweispännigen
Chaise stieg ein Herr, der ihnen unbekannt war; er reichte
die Hand in den Fond des Wagens, an dessen Thüre jetzt
ein junger Mann erschien, dessen Hände mit einer eisernen
Spange aneinandergeschlossen waren, und dem noch zwei
andere Männer in Civilkleidung folgten. Kaum hatte die
Frau den Gefesselten erblickt, da ertönte ein greller Schmerzens—
schrei und „Mein Kind in Ketten!“ das waren die einzigen
Worte, welche in einem solch erschütternden Tone sich ihrer
Brust entrangen, daß auch der gefühlloseste Mensch Erbarmen
gefühlt haben würde mit dem namenlosen Wehe, das in
diesem Augenblicke in den Schmerzensschrei der Mutter zu—
sammengefaßt war.
Als die vier Männer in das Wohnzimmer traten, kamen
sie gerade noch zur rechten Zeit, um Dorothea zu helfen,
die ohnmächtige Mutter des Gefangenen auf das Ruhebett
niederzulegen.
„Mutter! Meine arme, arme Mutter!“ rief dieser und
bedeckte, vor dem Sopha knieend, die bleichen Lippen der
Ohnmächtigen mit heißen Küssen, während seine Thränen
das fahle Antlitz der Mutter benetzten. Die Tochter des
Polizeiraths und die herbeigeeilten Frauen im Hause waren
bemüht, die ohnmächtige Frau ins Leben zurückzurufen,
während auf einen Wink des zuerst aus dem Wagen Gestiegenen
dem jungen Bartholdy die Ketten von den Händen gelöst
wurden und die beiden anderen Männer, Gensdarmen in
Civilkleidung, hinaustraten, um den Hausflur zu bewachen.
            
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