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Seite stand, von Melanies Hand geschrieben: „Mein Tage—
buch 1868.
Unschlüssig, ob er es wieder hinlegen oder den unge—
ahnten Fund als einen Wink des Schicksals betrachten sollte,
um hier eine Lösung für die Frage zu finden, deren Beant—
wortung für ihn von so großer Bedeutung war, stand Otto
eine geraume Zeit da; es widerstrebte seinem rechtschaffenen
Sinn, unberufen den Schleier zu heben, der hier über die
geheimsten Gedanken eines jungfräulichen Herzens ausge—
breitet lag; dann wieder sagte er sich, daß die Aufrichtigkeit
seiner Liebe zu dem schönen Mädchen und sein ernstes Wer—
ben um Melanies Herz und Hand ihm ein Recht hierzu
gäben oder wenigstens zur Entschuldigung dienen würden,
wenn er durch einen Blick in diese Blätker sich Gewißheit
zu verschaffen suchte. Die letztere Ansicht gewann die Ober—
hand. Er wollte nur einen einzigen Blick in das Buch
werfen und mit zitternder Hand öffnete er dasselbe. Rasch
flog sein Blick über Blatt und Blatt, da endlich blieb er
wie festgebannt haften. Das Blatt, dessen Inhalt er mit
leuchtenden Blicke in sih aufnahm, war überschrieben:
„Am 6. Oktober 1869. Ich habe“ — las Otto weiter
— „heute zwei Briefe erhalten, einen von Louisen und einen
von Otto aus Greifswald. Louise theilt mir mit, daß sie
bald hierher kommen würde und mir viel, sehr viel Neues
zu erzählen hätte . . .. Otto aber beklagt sich, daß ich so
wenig von meiner eigenen Person, von meinem Ergehen,
Wirken und Streben schriebe. Er findet meine Briefe in
letzter Zeit „geschäftsmäßig und kalt“ und glaubt, daß ich
unter einem gewissen Zwang oder absichtlicher Zurückhaltung
schriebe. Ach! er hat Recht! Ich selbst weiß dies ja; es
muß so sein. Ich fühle es allein, was diese Kälte ihm
gegenüber mich kostet, ihm, dem edlen Mann, den ich von
Allen, welche jemals mir nahe getreten sind, am meisten
hochachte und — ehre! Er liebt mich, ich habe es aus den
Kriefen gelesen, die er an Louise schrieb, und das ist es ja,
was mich zwingt, jetzt jedes Wort wohl zu überlegen, das
ich an ihn richte. Ich darf den Funken nicht nähren und
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