Full text : Feierabend-Stunden

312

ungen, welche Gott von Zeit zu Zeit über jeden einzelnen
Menschen sowohl wie über ganze Familien und Völker in
seinem heiligen Rathschluß zu verhängen pflegt. Ringsum—
her erschallten die Pfingstglocken und unter ihren Klängen
zog die unerwartete Gesellschaft im Forsthause ein.
Die Försterin, schon festtäglich angekleidet, erwartete ihren
Mann. Sie war nicht wenig erstaunt, ihn in solcher Gesell—
schaft kommen zu sehen, und noch mehr spannte sich ihre
Neugierde, als Timmel ihr die Geschichte des verstorbenen
Zigeunerweibes, wie wir sie schon kennen, wiederholte.
Die gute Frau, die in ihrer Abgeschiedenheit nur wenig
von dem Getriebe des Tages vernahm, folgte mit sichtbarer
Theilnahme der Erzählung des alten Mannes, und als
Riekchen das Kind, welches bisher auf ihren Armen süß
geschlummert hatte auf das Sopha niederlegen wollte, schlug
dasselbe erwachend seine Augen auf, erhob sich und schaute
neugierig die ihm ungewohnte Umgebung an.
„Armes, armes Wesen“, rief Frau Johanna, „was hast
Du denn verschuldet, daß, kaum geboren, Dich das Geschick
so furchtbar heimsucht!“
„Die Wege Gottes sind wunderbar“, entgegnete der
fromme Timmel, „und was Verbrechen und menschliche Be—
rechnung vielleicht an dem armen Kinde verschuldet haben,
dem liegt wohl ein weiser Rathschluß des Herrn zu Grunde,
und Gott kann wieder Alles wohl machen. Mich auch scheint
er zum Werkzeug seines Willens erkoren zu haben.“
„Amen!“ sprach zustimmend Hellmuth.
Unterdessen war die Försterin hinausgeeilt, um eine Tasse
frischer Milch für das Kind zu holen. Als sie mit dieser
auf die Kleine zutrat und liebevollen Tones sprach:
„Komme, Du armes Kind und trinke“, streckte es seine
Händchen nach dem Gereichten aus und mit mütterlicher
Zärtlichkeit kniete die Försterin vor dem Ruhebette und freute
sich über die Behaglichkeit, mit welcher der kleine Gast die
ihm gereichte Gabe zu sich nahm.
Frau Johanna hob das Kind nun empor, was es sich
lächelnd gefallen ließ, und als es auf den Boden gestellt
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.