Full text : Feierabend-Stunden

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„Kommt nur“, sprach sie zu der Unbekannten, „wir
wollen für das Kind schon Sorge tragen. Für Euch habe
ich ein weiches Lager zurechtgemacht, für die Kleine wird
sich auch ein passendes Plätzchen finden.“ Ohne ein Wort
zu erwiedern, folgte die Zigeunerin in die Scheune, und als
fie hier ein gutes Strohlager mit einer warmen Decke erblickte,
war sie sichtbar froh, denn sie schien zu frieren und müde,
sehr müde zu sein.
Ohne Verlangen nach ihrer Begleiterin zu äußern, blieb
das kleine Mädchen noch eine kurze Weile bei uns im
Gärtchen; es freute sich der Blumen, die es hier sah, schlug
die kleinen Händchen zusammen und schaute aus seinen großen,
dunklen Augen meine Alte mit einem Lächeln an, das ihr
zu Herzen ging. Die Erinnerung an unser verstorbenes
einziges Kind, unser Christinchen, ging der Guten einmal
wieder durch die Seele. Ich holte meine Abendpfeife wieder
vor und hatte den ganzen Tag über, so meine eignen
Gedanken. Meine Frau führte den kleinen Gast in die
Stube, der über die veränderte Umgebung, in welche er so
plötzlich versetzt war, sichtbare Freude empfand. Als ich
ungefähr nach einer Stunde in die Wohnstube trat, war ich
nicht wenig über die Verwandlung erstaunt, die mit dem
Kinde vorgegangen war. Von Kopf bis zu Füßen war es
gewaschen und gereinigt und mit Kleidungsstuücken angethan,
welche meine Frau bisher, als von unserem verstorbenen
Christinchen herstammend, wie ein Heiligthum aufgehoben
hatte. In der That war ich einen Augenblick der Meinung,
Gott habe uns unser so frühverlorenes Kind wiedergeschenkt.
So härmlos, so unbefangen war es und scheinbar bekannt
mit all den Gegenständen, die es umgaben, die ihm aber
eigentlich doch neu sein mußten in Anbetracht des Zigeuner—
zeltes, in dem es bis jetzt heimisch gewesen war. Meine
Frau und meine Nichte, die Riekchen, betteten das Kind
auf das Sopha. Sanft, wie ein Engel, schlummerte es ein
und schlief fest bis zum frühen Morgen.
An diesem Morgen gingen meine Frau und Riekchen
nach der Scheune, um nach der Kranken zu sehen und ihr
            
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