Full text : Feierabend-Stunden

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sprach und ihr einen Kuß auf die edle Stirne drückend
entgegnete er bewegt:
Hein liebes, liebes Kind, Du hast Recht; auch ich fühle
daß ich der Ruhe und des Friedens bedarf. So bald es
die Verhältnifse gestatten, mich aus dem Staatsdienste ohne
Gefährdung meiner Ehre zurückzuziehen, werde ich es thun.
In der gegenwärtigen Zeit jedoch, wo alle staatsfeindlichen
Elemente sich vereinigen, um die Throne zu stürzen und an
deren Stelle den Götzen einer mißverstandenen Freiheit zu
setzen, in einem solchen Augenblick abtreten, das wäre Feig⸗
heit und Verrath am Regentenhaus. Jetzt kann ich nicht;
über sei beruhigt, in nicht langer Zeit soll Dein Wunsch in
Erfüllung gehen .... Gute Nacht, mein Kind! Du bedarfst
der Ruhe; auch ich fühle mich ermüdet und — morgen er—
wartet mich wieder frühe des Dienstes Pflicht.“
Dorothea küßte den Vater und zog sich zurück.
Sinnend blickte der Rath dem edlen Mädchen nach und
in Gedanken versunken ging er noch lange mit verschränkten
Armen auf und nieder; endlich blieb er vor dem in Oel
gemalten Portrait seiner verstorbenen Gattin stehen, dem
Ebenbilde seines Kindes und sprach halblaut vor sich hin:
„Dir, geliebte Maria, in deiner letzten Lebensstunde habe ich
dir feierlich gelobt, mich unserem Kinde zu erhalten und ihm
so lange es Gott wolle, ein Schützer und treuer Vater zu
bleiben; ich werde meinen Schwur halten, so wahr ich dich
liebte und deiner in Liebe gedenken werde, bis auch über
mir der Hügel sich wölbt.“ Er ging zur Ruhe. Auch
draußen in der noch vor kurzem so wild aufgeregten Natur
war es wieder Frieden geworden und nichts mehr war ver—
nehmbar in dem düsteren Thorgebäude als das unheimliche
Geschrei der Mauereulen, welche in dem Thurme oben seit
Menschengedenken sich eingenistet hatten.

III.
Im Hause des Schlossers Bartholdy herrschten Trauer
und tiefer Kummer. Hier, wo noch vor einigen Tagen vom
            
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