Full text : Feierabend-Stunden

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Volksliedes ein. Dann zu Wiederhold gewandt, der, an
seinen Verlust denkend, düster vor sich hinblickte, trat er
heiter auf denselben zu und sang:
Weg mit den Grillen und Sorgen,
Bruder, es lacht ja der Morgen
Uns in der Jugend so schön!
daßt uns die Becher bekränzen,
Laßt bei Gesängen und Tänzen
Uns durch die Pilgerwelt gehn
Bis uns Cyprefsen umwehn!
Der aber wehrte ernst ab und sagte ruhig: „Hans, laß
es jetzt genug sein! Komm' wir wollen gehen!“
„Wie Du willst Paul!“ entgegnete dieser, „aber ehe die
alten Deutschen gingen, tranken sie noch einmal!“
„So ist's recht“, riefen der Blonde und der Zechen—
schmied wie aus einem Munde.
„Noch zwei Flaschen für mich“, befahl der erstere, „heute
ist Paulstag, sezt Euch und laßt uns noch eine Stunde
beieinander bleiben.“
„Ich gehe,“ entgegnete der Obersteiger „und wenn keiner
mitgeht, finde ich den Weg allein nach Hause.“
„Dann gehe ich auch“, sagte der Förster und machte
Miene, seinen Hut zu ergreifen.
„Paul“, wandte sich der Blonde an den Obersteiger
„sei kein Narr und laß den alten Eigensinn fahren, wir
gehen nachher miteinander. Die zwei Flaschen aber sind
für mich. ...“
Der Obersteiger war durch den Genuß des Weines
immer verdrießlicher geworden; er war ärgerlich und unzu—
frieden mit sich selbst. Das Auftreten des Blonden hielt
er für Prahlerei und für absichtliche Kränkung, daher ant—
wortete er ihm fest aber ruhig:
„Auch ich kann noch den Wein zahlen, wenn ich trinken
will und was das Miteinandergehen anbetrifft, so finde ich
das auch nicht nöthig, Anton,“ und betonend schloß er:
„Wir sind seit einem Menschenalter schon nicht mehr mit—
einander gegangen, brauchens daher auch heute nicht; Du
weißt ja, Deine Wege waren nicht immer meine Wege!“
            
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