Full text : Feierabend-Stunden

272

Anna, dann kommen sie und ich bin verhöhnt und verspottet
für lange Zeit. Das ist das Werk des Stern-Anton. Mit
Angst und Zorn blickte ihr Auge nach der strohbekränzten
Stange. Was soll ich thun? Guter Gott, gebe mir Rath,
wie ich mich vor ungerechtem Spott hüte, betete das geängstigie
Mädchen. Wiederum vernahm ihr Ohr ferne Tritte, welche
sich vorsichtig dem Hause näherten.
Anna schloß sachte und an allen Gliedern zitternd ihr
Fenster. Mit angehaltenem Athem lauschte sie In der
That, vor ihrer Wohnung machten die Schritte halt. Sie
schob leise den Fenstervorhang zurück und gewährte zwei
Gestalten, welche eben eine der schönsten grünenden Fichten
zur Erde niederlegten. Kein Wort wechselten die beiden
Männer, indem sie wie durch unsichtbares Commando gelenkt,
an die Strohkranzstange heran traten. Der eine schwenkte
sie mit kräftigen Arm hin und her, der andere suchte die
Keile zu lösen mit welchen sie in den Boden befestigt war.
In wenigen Minuten lag die Stange am Boden.“ Anna
hätte jetzt vor Freude laut aufjubeln mögen und als sie erst
wahrnahm, wie die beiden Männer bemüht waren, an Stelle
des Strohkranzes den grüunen Maibaum zu pflanzen, da
konnte sie sich nicht enthalten, näher nach den still und emsig
unten Schaffenden zu spähen. Das ist Paul Wiederhold,
sagte sie gluüͤcklich laͤchelnd vor sich hin und der andere ist
sein Freund, der Förster Hans. Bald stand der herrliche
Baum, zum Ueberfluß noch mit allerhand Bändern geschmückt
an Stelle der kahlen Strohkranzstange, welche die beiden
jungen Leute mit sich fortnahmen. Schon lange waren sie
verschwunden, als Anna noch immer wie gebannt am Fenster
stand: Dank und Freude, sowie auch Angst und Besorgniß,
wechselten unaufhörlich in ihren Gefühlen: Dank gegen die
beiden ihr freundlich gesinnten Männer und Furcht, die
anderen möchten wiederkommen und den Maibaum entfernen.
Doch alles blieb ruhig und stille und wenn Añna jeßt von
ihrem Bette aus von Zeit zu Zeit die Augen aufschlug, da
sah sie bei dem beginnenden Tagesgrauen zu ihrer Freude
noch immer die Tanne stehen. Sie, die noch kurz vorher
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.