Full text : Feierabend-Stunden

4714

Anton spielte den Gleichgültigen; innerlich wurmte das
Körbchen aber doch. Als am Abend des Tages vor dem
ersten Mai die Burschen im Sternwirthsgarten beieinander
waren, um Rath zu pflegen, wer von den Mädchen einen
Maibaum oder einen Strohkranz erhalten solle, wußte der
Anton und seine Mutter es bei den Burschen so geschickt
durchzusetzen, daß der „hochmüthigen und naseweisen Schul⸗
meisterstochter“ einer der größten Strohkränze mit schwarzen
Lappen daran in der Nacht vor das Fenster gehängt werden
sollte. Das war damals in Kleinmerfeld eine große Be—
schimpfung. Anna hatte keine Ahnung von der ihr zuge—
dachten Unbilde. Mit der Ruhe, welche Tugend und ein
reines Gewissen verleihen, legte sich das schöne Mädchen
zur Ruhe und erst gegen Mitternacht wurde sie durch ein
leises Geräusch aufgeschreckt, welches sich in der Nähe ihres
Fensters bemerkbar machte. Sie horchte auf und vernahm
deutlich mehrere Stimmen, welche untereinander flüsterten
und dann hörte sie Schritte, welche dem Ende des Dorfes
zugingen. Anna fiel jetzt ein, daß es sich wohl um einen
Maibaum oder einen Strohkranz handele, mit dem sie von
den Burschen des Dorfes bedacht worden sei. Vorsichtig
offnete sie das Fenster ihres Schlafstübchens und überzeugte
sich bald, daß sie sich in ihrer Annahme nicht geirrt; an
einer mächtig hohen Stange hing ein Strohkranz von größtem
Umfang, der reichlich mit schwarzen Lappen verziert war.
Aerger und Scham trieben dem Mädchen Thränen in die
Augen. Sie wagte nicht ihren alten kränklichen Vater zu
wecken und doch mußte das Zeichen des Hohnes entfernt
werden, ehe die Sonne aufging, denn mit Tagesanbruch
schon zogen die Buben mit Musik durch Kleinmerfeld in den
Wald und an jedem Hause wurde dann Halt gemacht und
je nach Umständen dem Maibaum eine Serenade oder dem
Strohkranz eine gehörzerreißende Katzenmusik gebracht. Ach!
wie viel hätte sie darum gegeben, dem ihr drohenden Hohn
und Spott zu entgehen. Lange schaute sie in die schöne
Sommernacht hinein, unschlüssig, was zu thun sei. Vom
Thurme schlug es jetzt drei Uhr. Noch eine Stunde, dachte
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.