Full text : Feierabend-Stunden

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„Jetzt, geliebte Kinder,“ sprach der ehrwürdige Greis,
geht ins Haus, man erwartet Euch daselbst, ich werde unter—
dessen hier bleiben und meines Amtes harren.“
Bald darauf bewegte sich der kleine Hochzeitszug von dem
Wohnhause nach dem Gartensaale. Wilhelm führte die lieb—
liche Braut, Fritz Born die Gattin seines Freundes Jakob
und dieser die alte Frau Born, während der wackere ehemalige
Organist der Schloßkirche, Lehrer Mahr, die Mutter Wil—
helms, jetzt Freiin von Scheffraneck, in die improvisirte
Kapelle geleitete. Den Schluß aber bildete ein altes Pärchen,
das wir auch schon früher kennen zu lernen Gelegenheit
hatten; es war der alte Heinz und Margarethe, die im
Dienste der Born'schen Familie ergraute aber noch immer
rüstige Dienerin.
Der Pfarrer erwartete in vollem Amtskleide das Braut—
paar vor dem Altar. Und als die Einleitungsförmlichkeiten
beendet waren und er nach einer Rede, die allen Theil—
nehmenden Thränen entlockte, die Trauringe wechselte und
Gottes Schirm und Segen auf das vor ihm knieende Braut—
paar herabflehete und segnend seine Hände auf dessen Häupter
legte, da plötzlich erklang, von Meisterhand einem Clavier
entlockt, ein geistliches Präludium und als dasselbe beendet,
ging es zur Begleitung des herrlichen Liedes von Chr. Fr.
Gellert: „Wie groß ist des Allmächt'gen Güte!“ über, das
ein gutgeübter Chor von 12 Knaben und Mädchen vortrug,
welche von Jakob Hillmann, ohne daß Jemand eine Ahnung
davon hatte, im Hintergrunde der Kapelle, verdeckt durch
Ziersträucher und Blattpflanzen, aufgestellt worden waren.
Als der Gesang verklungen, begann der treffliche Meister
Mahr aufs Neue sein Spiel und da aus dem Vorspiel die
Töne allmählig in die Melodie des Lutherliedes: „Eine feste
Burg ist unser Gott!“ übergingen und die Kleinen das
schöne Lied intonirten, da stimmten auch Braut und Bräu—
tigam und die übrigen Geladenen mit ein und aus dem
kleinen, zum Tempel Gottes für heute umgeschaffenen Garten—
raum erklangen die Schlußverse des unerschrockenen Refor—
mators wie ein lauter Protest gegen die Blasphemie und
            
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