242
und dort, und das, Mutter Born, war Lebensbalsam für
Euer ergrautes Haupt. Hört, ich will Euch einen Vorschlag
machen, der wohl geeignet ist, wieder etwas Leben und
Abwechslung in Eure Lebenseintönigkeit zu bringen ...“
„Was hast Du, Jakob?“ frug die Alte neugierig; „Du
thust ja heute so ernst, als wäre wirklich etwas an der
Sache. Pfeife zu, Jakob, und sage, was Du auf dem Herzen
hast! Laß ab von der langen Eingangsrede, Du weißt, ich
liebe das nicht.“
„Eine weitläufige Verwandte von meiner Frau“, sagte
hierauf dieser, sichtlich froh, die Einleitung seines Gespräches
überstanden zu haben, „ist bei mir angekommen; sie ist eine
Waise und ein gutes munteres Kind; das Mädchen hat eine
treffliche Erziehung genossen und wünscht, in einer kleinen
Haushaltung sich diejenigen Eigenschaften anzueignen, welche
einst den Stolz einer guten Hausfrau ausmachen. Wie
wäre es, wenn Helene — so heißt das Mädchen — für so
lange bei Euch Aufnahme fände, bis Fritz wieder heimkommt.
Von irgend einem Lohn kann natürlich keine Rede sein.
Helene ist bei uns nicht verdrängt und ich mache nur deshalb
den Antrag, weil ich es gut mit Euch meine.“
Frau Born war eine resolute Frau, eine jener deutschen
Kernnaturen, die in allen Dingen nicht lange Federlesens
machen, wie die alten St. Johanner und Saarbrücker zu
sagen pflegen. Sie überlegte nicht lange und nachdem sie
ihle Verwunderung darüber ausgesprochen hatte, daß der
Pfiffer-Jakob ihr noch gar nichts von dieser seiner Verwandten
mitgetheilt habe, entgegnete sie:
„Jakob, in mancher Hinsicht kann ich Dir nicht Unrecht
geben; ja, ich vermisse Jemand um mich, der durch den
Glanz der Jugend etwas Licht in den dunklen Abend meines
Lebens wirft. Wann kann ich das Mädchen sehen? Sage
der Katharine, Deiner Frau, sie solle heute Abend mich
besuchen, die Kleine kann dann auch mitkommen.“
„Das soll geschehen, Frau Born“, entgegnete Jakob, und
war in der Seele froh, seiner Verwandten auf diese Weise
in einem guten Hause ein Unterkommen verschafft zu haben.