Full text : Feierabend-Stunden

mals eine Münzstätte. Ganz dicht an der alten Thorwand
geht heute ein Mühlenrad zum Betriebe einer Schnupf—
labaksfabrik und dieser gegenüber befindet sich eine Mahlmühle,
beide von der abgeleiteten Kinzig gespeist, die auch den
ehemaligen Festungsgraben mit Wasser versieht.
Die Wohnung auf dem genannten Thore und der alten
Münzstätte hatte zur Zeit, wo unsere übrigens in allen ihren
Haupttheilen ganz wahre Erzählung beginnt, der Polizeirath
snne. Hier wohnte er schon über vierzehn Jahre; als junger
Beamte aus der Residenz nach H. versetzt, bezog er sie da—
mals mit seiner Frau und dem einzigen Kinde, einem Mädchen
don vier Jahren. Nach ungefähr sechs Jahren erlag die Polizei—
räthin einem Nervenfieber und so lebte der noch immer
rüstige Mann von nun an nur noch seinem Kinde, das er
über Alles liebte, und seinem Dienste, der ihm über Alles
ging. Eine Köchin und Haushälterin, eine schon bejahrte
Person, die seit seiner Verheirathung in des Polizeiraths
Diensten stand, vervollständigte das Hauspersonal, wenn wir
die zwei großen Windhunde ausnehmen, welche auch gewisser—
maßen zur Familie gerechnet wurden.
Der Polizeirath besuchte wenig Gesellschaften. In den
höheren Beamtenkreisen sah man den gebildeten Emporkömm—
ling über die Achsel und mit Mißtrauen an, in den Bürger—
kreisen mied man ihn seines mißliebigen Amtes und seiner
Rücksichtslosigkeit wegen, obgleich er in jeder Hinsicht alle
Eigenschaften hatte, die man billigerweise an einen guten
Gesellschafter stellen kann: er war geistreich, musikalisch gebildet
und wer ihn außerdienstlich kennen zu lernen Gelegenheit
hatte, hatte in dem freundlichen jovialen Manne sicherlich
nicht den rücksichtslosen unermüdlichen Polizeimann und
Demagogenverfolger gesucht. Auf die sorgfältigste Weise
verwendete der Rath jede seiner freien Stunden, sie für seine
Häuslichkeit angenehm und nützlich zu machen und sich
mit der ganzen Sorgfalt und Zärtlichkeit eines liebevollen
Vaters der Erziehung und Ausbildung seiner Tochter zu
widmen. Dorothea, so hieß die Jungfrau, war das Eben—
bild ihrer fruh verschiedenen Mutter und machte das ganze
            
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