Full text : Feierabend-Stunden

begriffen, als Wilhelm sich erinnerte, daß er im Dienste des
Oberförsters sich befinde.
„Ja mein Sohn; was ich Dir versprochen, werde ich zu
erfüllen suchen, und dann — dann fort von hier, weit, weit
nach Böhmen; in mein Vaterland, wo Niemand mich kennt,
da wollen wir ein neues schönes Leben beginnen, die Mittel
dazu hat Dein Großvater uns hinterlassen.“ So schieden
die Glücklichen. Einen solchen Aufschluß über das Dunkel
seines Daseins aber hatte der junge Mann nicht erwartet.
„Fort, fort von hier!“ rief es auch in seiner Brust, und
fest stand bei ihm der Entschluß, so bald als möglich Kriegs—
dienste zu nehmen und auf den Schlachtfeldern sich einen
Namen zu erwerben oder ehrenvoll unterzugehen.

VI.

Die Begnadigung und die Flucht.
Zwei Tage nach den im vorigen Kapitel geschilderten
Scenen meldete sich eine schwarz gekleidete, tief verschleierte
Dame zu einer Audienz beim Fürsten Ludwig. Das sichere
Auftreten, die feinen Manieren und das elegante Französisch,
welches Comtesse Villeneuve sprach, überwanden alle Hinder—
nisse, welche sonst die Fürsten von anderen fremden Sterb—
lichen trennen, und über Erwarten rasch trat die Französin
über die Schwelle des fürstlichen Audienzsaales. Lange währte
die Unterredung; wie die Hofschranzen sich aber auch anstreng—
ten, über den Inhalt derselben etwas zu erfahren, es war
vergebens. Nur das Eine wußten sie, daß Se. Durchlaucht
noch niemals eine so lange Audienz irgend Jeinanden gewährt
hatie und einigen Anderen, welche dieser Gunst in dem Vor—
zimmer harrten, machte die schwarze Dame die Zeit recht
lange. Endlich trat sie heraus, der fürstliche Kammerherr
und die Supplicanten waren jedoch nicht wenig überrascht,
als Fürst Ludwig den Befehl gab, für heute Niemanden
mehr vor sich zu lassen. Wenn dies in dem Hofkreise Auf—
            
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