Full text : Feierabend-Stunden

J.

San der Residenz herrschte wieder einmal große Unzu—
friedenheit und Aufregung und der Fürst war, wie er dies
stets bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegte, wenn er mit
seinen getreuen Residenzlern schmollte, mit seiner Gemahlin
und den jungen Gräfinnen nach Schloß *ruhe in der
Provinz abgereist, um hier den Zeitpunkt abzuwarten, bis
die widerspänstigen Haupt- und Residenzstädter durch den
zeitweisen Verlust der Hofhaltung ihm hinreichend bestraft
erschienen, oder bis die geheimen und ungeheimen Hof- und
Commerzienräthe im Verein mit den Hofschneidern, Bäckern,
Condi-⸗, Direc⸗ und anderen Toren die unvermeidliche Er—
gebenheits-Adresse fertig und sich wie reuige Sünder zu dem
erzürnten Landesvater in seinen Schmollwinkel begeben hatten.
Diesmal sollte der Fürst jedoch etwas länger auf diesen
Augenblick warten. Es schien, als hätten die bösen Geister,
die ihn von dem Stammschloß seiner Väter vertrieben, keine
besondere Eile, sich vor dem Wehen der Hofluft wieder in
den kühlen Schatten loyaler Denkungsart zurückbannen zu
lassen. Es war dies im Spätsommer Anno 1845. Die
stürmischen Vorboten der Revolution von 1848 fingen all—
mälig an von Westen her über die deutschen Berge zu
fegen; alle Herzen ahnten, daß der Ausbruch eines poliuschen
Gewitters nicht mehr in so weiter Ferne sei.
Unzufrieden mit seinem undankbaren Volke und unzu—
frieden mit sich selbst, saß der Fürst in seinem Kabinet, die
Berichte lesend, welche ihm am Morgen aus der Residenz
zugekommen waren. Diese Nachrichten mußten wohl nicht
sehr erfreulicher Natur gewesen sein, denn die schwere kurze
            
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