Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

sodann auch bei Gelegenheit der St. Arnualer Kirmes, zu
Pfingsten, auf der damals noch französischen alten Bremm,
sowie noch hier und da mal auf einer Kirmes in der Um—
gegend oder bei einer sonstigen Gelegenheit. Das Tanzen—
hernen war damals für den Mittelstand nicht teuer. Die
Lehrer der Kunst waren von altersher Generationen hindurch
die Dachdeckermeister sowohl in Saarbrücken als auch St.
Johann. So ein Tanz- und Anstandskursus, welcher in der
Stube oder Hinterstube des Tanzlehrers stattfand, kostete 152
Taler, und damit war die Geschichte abgemacht. Heute ist es
vohl in dieser Beziehung anders geworden und mancher
Vater muß schon damit rechnen, wenn Töchter und Söhne
in den Tanzunterricht kommen, daß es mit 1-2 Talern nicht
abgetan ist.
Ich erinnere mich noch, daß in der vereinslosen Zeit die
Bürger des Mittelstandes einmal zu Neujahr auf dem Roten—
hofe, wo gerade der neue Saal durch den Wirt Philippi fertig
erbaut war, einen sogenannten Subskriptionsball abhielten.
Es war ein Komitee gebildet, das die Vorbereitungen recht—
zeitig in die Hand nahm, die Unterschristen für die Beteiligung
und auch die erforderlichen Gelder für die Unkosten ein—
sammelte. Alles freute sich darauf; wochenlang sprach man
schon davon und bereitete sich darauf vor. Auch eine Garde—
robe wurde eingerichtet; diese war einem alten Schneider⸗
meister und seiner Frau übertragen; die hatten aber so was
noch nicht mitgemacht; sie nahmen die Garderobe ab und gaben
jedem eine Nummer, vergaßen aber an das betreffende
Garderobestück die Gegennummer zu befestigen.
Der Ball soll wunderschön gewesen sein, alles freute sich,
und jedermann gestand, daß er sich so köstlich noch nicht
amüsiert habe. Als nun der Ball zu Ende war und die Leute
ihre Garderobestücke nehmen wollten, gab es ein schreckliches
Durcheinander. Niemand konnte seine Sachen mehr finden.
Jeder griff zu, schließlich wurde die Garderobe, wie man zu
sagen pflegt, gestürmt. Jeder nahm sich etwas passendes zum
Anziehen; denn es war bitter kalt in dieser Neujahrsnacht und
der Weg nach der Stadt weit. Des anderen Tages gingen
die Komiteemitglieder mit der Liste in der Hand zu den Ball—
besuchern und fragten, wer ihm nicht gehörige Garderobe
—— habe. Es hat viele Mühe gekostet, bis die Sache
wieder in Ordnung und alles umgetauscht war.
Ich habe versucht, in Vorstehendem ein Bild der guten
alten Zeit von Saarbrücken, soweit ich sie mit erlebt und sie
mir im Gedächtnis geblieben ist, wiederzugeben; hauptsächlich
aber, über das Leben und Treiben des damaligen Mittel⸗
standes, der sich allerdings im Laufe der Zeit ganz bedeutend
            
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