Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

ist meine feste Ueberzeugung, daß wir dereinst ein einiges
Deutschland haben werden und daß dann die uns so treulos
geraubte Stadt Straßburg und auch das Elsaß mit seinen
heute noch deutschen Bewohnern wieder mit Deutschland ver—
einigt werden wird. Es werden zwar noch viele Jahre darüber
hingehen. Wir Aeltercn unter uns werden es zwar nicht
mehr, aber die Jüngeren unter uns können es noch erleben!“
Diese prophetischen Worte unseres Turnvaters Dießzsch gingen
noch früher, als man glaubte, in Erfüllung; und er sollte noch
ein geeintes Deutschland — wofür wir älle damals so sehr
schwärmten — und die Rückeroberung von Straßburg er—
leben. Als unsere AMer Füsiliere, in deren Reihe ich den Feld—
zug 1870 mitmachte, am 6. August 1870 mit Musik und Ge—
sang durch die Stadt in die Schlacht von Spichern marschierten,
stand unser alter Dietzsch an der Straße. Ich begrüßte ihn
durch Zuruf, da er mich nicht in der Uniform erkannt hatie.
Da lief er noch einige Schritte neben mir her und rief in
voller Begeisterung: „Nur drauf, nur drauf, haut sie!“
Unsere frühere Turnerei kann mit dem heutigen Turnen
keinen Vergleich aushalten, ebenso das Schülerturnen, welches
kaum einen Erfolg aufzuweisen hatte. In den Elementaär—
schulen wurde überhaupt nicht geturnt. Auf dem Gymnasium
war es nur zum Schein. Einmal in der Woche im Sommer
wurden wir auf den Triller in den Garten mit Seilerbahn
von Joh. Schwarz, wo der Turnplatz des Gymnasiums wär,
geführt; dort war ein Reck, ein Barren, ein Schwebebaum
und ein Klettergerüst aufgestellt. Die Turnerei währte zu
unserm Bedauern nicht viel länger als eine Stunde fuͤr
sämtliche Schüler. Während dieser Zeit kam ein Schüler ein—
mal an ein Gerät. Die Schülerzahl war zwar damals keine
große; die Auswärtigen waren vom Turnunterricht, der auf
den freien Mittwoch nachmittag fiel, befreit. Eine Uebung
mit Anstrengung der Muskeln war damit nicht verbunden.
Auch das Turnen später im Turnverein war nicht dasselbe
wie heute, weil man damals die Spiele wie Fußballspiele,
Wettlauf usw., wobei alle Muskeln in Bewegung kommen,
noch nicht kannte.
Heute wird im kleinsten Dörfchen geturnt. Die Turnerei
ist nicht mehr wie früher von Amtswegen verpönt. Der Staat
hat großes Interesse daran, daß Deutschland eine gesunde,
kräftige Jugend erzieht.
Auch das Tanzbein wurde in der guten alten Zeit von der
Saarbrücker Jugend und auch teilweise von den Alten bei
passenden Gelegenheiten geschwungen. Diese Gelegenheiten
waren aber nicht so häufig wie heutzutage; zuweilen bei
Plagers in der „Wolfsschlucht“, der heutigen „Bürgerhalle“,
            
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