Noch vor fünfzig Jahren konnten sie ungestört ihr Wesen
treiben und wurden selbst von der Straßenjugend je nach
ihrem Auftreten „pietätvoll“ behandelt. Heute ist es anders;
die Zeit ist eben doch eine andere geworden, und mit ihr hat
das Leben eine andere Richtung gewonnen. Zum Glück
sorgen heute der Staat und die Gemeinden dafür, daß solche
unglücklichen Geschöpfe, wenigstens die mittellosen Geistes—
kranken und Idioten, von der Straße verschwinden und in
Anstalten aufgenomnen werden. Fruͤher war dies nicht der
Fall, weil man noch keine derartigen Anstalten hatte, auch
die Gemeinden durch Gesetz zur Fürsorge für jene Unglücklichen
nicht verpflichtet waren und auch nicht die Mittel dazu hatten.
Vielleicht ist es nicht uninteressant, einzelnes aus dem
Leben solcher Leute, die sich früher in unserer Vaterstadt auf⸗
hielten, zu hören. Der Vorwurf der Indiskretion kann mich
nicht treffen, da die handelnden Persoͤnlichkeiten, von denen
ich spreche, längst heimgegangen sind. Einige Originale leben
mir noch aus der Saarbrücker Jugendzeit in Erinnerung;
mögen sie zunächst hier ihren Platz finden.
Viermal im Jahre gab es in der ersten Hälfte der fünf—
ziger Jahre für die liebe Straßenjugend des westlichen Teiles
von Saarbrücken ein Hauptgaudium; da kam der alte Manke
aus einer Stadt Frankreichs, ich glaube Bar-la-Duc, zu Fuß
über Forbach nach Saarbrücken. Er sah aus wie ein polnischer
Jude und war Winter und Sommer mit einem langen, bis
auf die Füße reichenden, dicken Rock angetan. Diese seine
Kleidung war wohl die Hauptursache, daß er in unserer
damaligen Kleinstadt so auffiel. Schon wenn er die Metzer
Straße herunter kam, ging die Jagd los. Die bösen „Hahner—
buwe“, wie die Jungens der Metzerstraße genannt wurden,
verfolgten ihn mit dem Rufen: „Au, was e Milbe, au, was
sHecht; holl 'ne am Bandel und hall 'ne fescht!“ Dies ließ sich
der Alte aber nicht gefallen, er drehte sich um und verfolgte die
Buben mit seinem Stocke, ohne jedoch einen zu erwischen.
Zudem hatte er noch Plattfüße, wodurch er nur schlecht laufen
konnte. Die Jagd ging bis auf den Kirchenplatz, wo der alte
Manke im Postgebäudeé verschwand und vorläufig nicht mehr
zum Vorschein kam. Man sagte, er ginge zum Postdirektor,
wo er eine kleine vierteljährliche Pension ausbezahlt bekäme,
was richtig gewesen sein mag, denn der damaligeé Postdirektor
war Offizier der französischen Ehrenlegion. Die Jungens
mußten nun zur Schule und die Jagd war vorläufig aus.
Die „Hahnerbüwe“ erzählten dann in der Schule, daß der alte
Manke wieder da wäre und das war ein gefundenes Fressen
für die übrigen Schuljungen der Stadt. Nach Schulschluß um
elf Uhr gingen sie auf die Suche und bald hätten sie ihn auch