Aber auch viele abergläubische Menschen gingen anstatt
zum Arzte, wenn ihnen etwas fsehlte, zum „Braucher“, wie
hiese Leute genannt wurden. Das Brauchen war eine Art
Krankenhetlung durch Besprechen. Es gaben
—V
wir Kartenschlägerinnen, welche die Zukunft vorhersagen
fonnten; darunter war eine Frau W., die gute Geschäfte
machte, trotzdem sie keine hohen Preise hatte. Eine Wahr⸗
sagung kostete bei ihr im Hause 4 Sous, wenn sie abends
bei Dunkelheit in der Stadt in ein Haus gerufen wurde, dann
kostete es 610 Sous. Sie wurde hauptsächlich von jungen,
heiratslustigen Mädchen konsultiert, denen sie Männer ver—
sprach. Sie sagte überhaupt nur Gutes voraus, fast immer
auch noch eine unverhoffte Erbschaft.
In Dudweiler lebte ein Wirt, man nannte ihn den
Friebrich-Karl, der weit und breit berühmt durch seine Kuren
war; Zahnschmerzen, Drüsengeschwüre, Beinschäden und alles
mögliche wurde von ihm geheilt; man mußte aber dran
glauben, sonst war die Kur ohne Wirkung. Wenn sich nun
emand beklagte, daß das „Brauchen“ keinen Erfolg gehabt
hätte, dann hieß es: „Ja, Sie werden nicht ernstlich daran
zeglaubt haben, dann hilft es nicht.“ In Gersweiler lebte ein
Fabrikant K. .. der liit an Ischias. Er ließ nun einen
Schreinermeister B. von Saarbrücken kommen, der sollte ihn
von seinem Leiden kurieren. Er wurde von dem Betreffenden
in Werg gewickelt und auf zwei durchbrochene Stühle gelegt;
dann wurde ein Wachholderfeuer unter ihm gemacht. In
kurzer Zeit fing der Werg Feuer, und der arme Mann mußte
elendig verbrennen. Der betreffende Dr. Eisenbart erhielt
dafür mehrer Monate Gefängnis.
Man bildet sich heutzutage viel auf den Fortschritt ein,
spricht von unserer aufgeklärten Zeit, aus dem Aberglauben
ijst man aber doch noch nicht heraus. Wenn auch solche Eisen—
dartkuren wie die hier geschilderte insbesondere in unserer
Broßstadt nicht meht vorkommen mögen, der Unsinn mit der
Wahrsagerei aus den Karten, aus den Linien der Hand und
wie die Hilfsmittel „kluger Frauen“ heißen mögen, blüht
noch immer lustig weiter, wie man an den Anzeigen dieser
Wahrsagerinnen erkennen kann, die sich gar nicht scheuen,
zffeutlich ihre Kunst anzupreisen. Und die Kundschaft soll sich
sogar bis in die sogenannten besseren Kreise erstrecken. Ja,
unsere „aufgeklärte“ Zeit, man kann „stolz“ darauf sein.
Originale, Idioten und Geisteskranke, wie
sie vor einem halben Jahrhundert in einzelnen Exemplaren
sich hier noch befanden, stehen heute fast ” auf dem
Aussterbeetat; unsere Gesetze haben sie fast verschwinden lassen.