Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

„Gehohwenzelt“. Die Weiber nahmen ihn trotz allem Sträuben
an der Schulter und den Beinen und hielten ihn wagrecht,
ungefähr in Tischhöhe. Die jüngste, manchmal auch mehrere,
schlupften dann unter ihm durch und küßten ihn ab. Dies
erforderte hinterher ein größeres Trinkgeld. Auf den Dörfern,
wo noch Hanf und Flachs gebaut und gebrochen wird, ist
diese Sitte noch heute in Gebrauch.
Vor den Nachtwächtern unserer lieben Vaterstadt brauchte
man sich nicht zu fürchten, die waren höchst ungefährlich; es
waren biedere Bürgersleute aus der Stadt, der ehrbaren
Schuster- oder Schneiderzunft angehörig, die des Tags über
ihrem Handwerk obgelegen und sich müde abgeschafft hatten.
Bei ihnen galt auch das Sprichwort: „Ruhe ist die erste
Bürgerpflicht“; auch für den Nachtwächter! Ihr Dienst be—
gann abends um zehn Uhr; dann begaben sie sich, angetan mit
diner Dienstmütze und mit einem großen, beinahe bis auf die
Füße reichenden Mantel, der sie im Gehen sehr behinderte,
umgürtet mit einem Ochsenhorn, nach der im Rathaus be—
findlichen Wachtstube. Die Eingangstür nach der Straße war
mit einem Fenster versehen. Von elf Uhr abends an sollten
die Nachtwächter durch die Straßen und Gassen der Stadt
gehen und auf einer Pfeife, der sogenannten Nachtwächter—
pfeife, den Bürgern die Stunden anpseifen. Die wollten jedoch
des Nachts gar nicht wissen, wieviel Uhr es sei, sie wollten
ihre Ruhe haben, um schlafen zu können. Wenn nun jemand
gerade eingeschlafen war, und die Nachtwächterpfeife vor
seinem Fenster ertönte, wurde er natürlich wieder wach. So
kam es häufig vor, daß der aus dem Schlafe gestörte das
Fenster aufriß und ärgerlich herunter schrie: „Wärschde nur
beim Deiwel mit deinem Gepiff.“ An diesem Unsinn, über
den wir heute lachen, war jedoch nichts zu machen, der Nacht—
wächter tat eben seine Pflicht. Die Pfeiferei war ja auch nicht,
um die Bürger in der Nachtruhe zu stören und zu ärgern,
sondern nur zur Kontrolle der Nachtwächter selbst eingerichtet,
damit man sehen und hören konnte, ob sie auch wirklich ihre
Pflicht taten, durch die Stadt gingen und ein etwa aus—
brechendes Feuer rechtzeitig melden konnten. Zum Feuer—⸗
alarm dienten ihnen die großen Ochsenhörner, auf denen sie
ein schauerliches Getute anstimmten. Ein ausbrechendes Feuer
zu melden scheint auch ihre Hauptaufgabe gewesen zu sein,
denn auf Spitzbuben und Einbrecher brauchten sie nicht zu
achten; die gab es in Saarbrücken kaum. Ich habe wenigstens
nie etwas davon gehört, ein Zeichen, daß es damals noch nicht
so viel schlechte Menschen gab wie heute.
Die übrige Zeit, wenn die Nachtwächter keine Stunden
pfiffen, was sie bei schlechtem Wetter und auch sonst häufig
            
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