Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

schädlich als nützlich. Der Hals wurde verweichlicht, und Er—⸗
kältungen der Atmungsorgane waren dann nach Ablegung
des Shawls inm Frühjahr die Folge. Allein, man wußte es
damals nicht besser, hielt es so für gut und sündigte in dieser
Beziehung ruhig weiter; ebenso, wie sich die Alten im Frühjahr
schröpfen ließen, um das dicke Winterblut los zu werden, ein
ebenso großer Unsinn, nach den heutigen Anschauungen der
Aerzte. Unterkleider, Ueberzieher und dergleichen kannte man
noch nicht. Dagegen trugen die Bessersituierten zur Winters—
zeit, und, wenn sie einmal mit der Post verreisen mußten,
zinen Radmantel mit Ueberwurf von dickem, meist blauem
hausgemachtem Tuchstoff. Der Mantel hatte keine Aermel
uͤnd wurde mit einer Messing-Agraffe zugehalten. Viele
Bürger waren jedoch nicht im Besitz eines solchen Mantels.
Er wurde gelegentlich auch einmal an den Nachbar verliehen.
Meist vererbte er sich in der Familie vom Großvater auf, Sohn
—
Die Kleidung der Mädchen war so einfach wie die der
Jungen und verursachte den Eltern nicht viel Sorgen. Die
Mädchen gingen des Sommers mit geflochtenen Zoͤpfen bis
zu ihrer Verheiratung ohne Kopfbedeckung, Zur Winterszeit
irugen sie eine Kapotte mit gestepptem Ausschlag, meistens
oon schwerer Seine. Nach der Verheiratung wurde eine
Haube mit bunten Bändern aufgesetzt.
Eine wahre Revolution erregte es, als die Mädchen im
Backfischalter dazu übergingen, des Sonntags einfache Hüte
zu tragen und äuch sich für den Winter Mäntel zuzulegen,
die jedoch noch sehr einfach und bescheiden aussahen und nicht
entfernt der heutigen Mode und Form glichen. Schüchtern fing
erst eine damit au, eine zweite folgte nach; man fand die Sache
schön und, ehe ein bis zwei Jahre verflossen waren, kleideten
sich fast alle Bürgermädchen mit Hüten und des Winters noch
mit einem Mantel. Anfangs kämpften die Eltern dagegen an,
schließlich konnten sie die einmal aufgekommene Mode doch
nicht aufhalten. Die Sachen mußten alle erst angemessen und
angefertigt werden. Geschäfte, in denen man dergleichen in
den Schaufenstern betrachten und fertig kaufen konnte, gab
es noch nicht. Da mußte dann wieder Metz und Forbach her—⸗
halten; das erstere war nur schwer mit der Diligence zu er—
reichen. Nach Forbach lief man zu Fuß. Die Sachen wurden
dann geschickt herüber geschmuggelt; darin hatten die Saar—
brücker eine ziemliche Gewandtheit. Ich kenne noch ehrbare
Bürgersfrauen unserer Stadt in meinem Alter, die heute noch
mit Vergnügen erzählen, wie sie seiner Zeit ihre Brautaus—
steuer von Forbach herüberschmuggelten. Wie schon gesagt,
konnte man fertige Sachen nur in beschränkter Auswahl
            
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