Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

r

angeredet und aßen bei dem Mittelstande meistens mit der
Herrschaft am Tische. Als Lohn erhielten sie in der Regel
monatlich ein bis zwei Taler, jährlich Stoff zu zwei Hemden,
ein Paar neue Schuhe und die Erlaubnis, ein Paar sohlen
zu lassen. Zu Weihnachten bekam das Mädchen einen Teller
mit Aepfel, Nüssen und selbstgebackenem Zuückerzeug, ferner
gewöhnlich noch einen großen Lebkuchen und war dann könig—
lich zufrieden. Die Mädchen waren einfach und bescheiden.
Sie stammten aus den umliegenden Dörfern. Zu ihrer
heimatlichen Kirmes durften sie Sonntags und Montags tanzen
zehen. Dies war alles. Hüte, Mäntel und dergleichen trugen
sie nicht.
Billig mußte damals alles sein, denn wo sollte der gewöhn⸗
liche Bürger bezw. Handwerksmeister das Geld herholen! In
Stadt und Land gab es wenig Verdienst. Sehr primitiv waren
die Wohnungen und Wohnungseinrichtungen des
Mittel-bezw. Handwerkerstandes zu damaliger
Zeit in Saarbrücken. Wenige hatten mehr als zwei Zimmer,
din großer Teil überhaupt kein besonderes Wohnzimmer. Fast
in jedem Zimmer staänden Betten. Leute mit starker Familie
hatten noch ein sogenanntes Rollbett; das war eigentlich nichts
als ein flacher Kasten mit handhohen Füßen, an denen Rollen
waren. Dieser Kasten wurde des Tags über unter das Bett
geschoben. Abends wurde er hervorgezogen und diente den
sindern als Bettstelle. Waschtische und Nachttische waren bei
vielen Leuten unbekannte Vinge, ebenso Stores und große
Vorhänge vor den Fenstern. Dägegen legte man großen Wert
I Kleiderschränke, geschweiste, womöglich noch ein⸗
gelegte Kommoden und stark beschlagene Truhen.
So einfach wie die Wohnung war auch die Kleidung
der Bürger. Die Kinder trügen den größten Teil des Jahres
keine Kopfbedeckung. Die Jugend hatte kurz geschorene Haare,
segenannte „Stifdekebb“, wenigstens bis zu der Zeit, wo sie
in die Lehre kamen. Die Mädchen trugen um den Kopf ge—
flochtene Zöpfe. Zur Winterzeit bekam der Junge gewöhnlich
eine gestrickte Kappe, Nebelkappe genannt, von grauer Wolle
mit Sammetdeckel, in dessen Mitte ein Sammetknopf saß. Diese
Mütze wurde bei schlechtem Wetter über die Ohren gezogen.
Ferner bekam fast jeder Junge, gewöhnlich als Weihnachts⸗
geschenk von Schwester oder Mutter gefertigt, einen gestrickten
Shawl, der am unteren Ende mit fingerlangen Franzen be—
setzt war. Der Shawl war so lang, daß er mehrmals um den
Haͤls geschlungen werden konnte; dann wurde er noch unter
der Weste durchgezogen, wo er am unteren Ende noch eine
Handbreit hervorragte. „So, das hält warm,“ sagte die
Mutter. Dieses Kleidungsstück war der Gesundheit mehr
            
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