Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

ganz Unerhörtes zu damaliger Spießbürgerzeit. Den armen
Mädchen war jeder Sport versagt, sie durften nicht einmal
Schulranzen tragen.
Aeltere Herren liefen auch nicht Schlittschuhe, mit Aus—
nahme von zweien, eines Herrn Wilkens und des vor nicht
langer Zeit verstorbenen Herrn Kürschners A. Nopp. Mit der
Eislaufkunst war es damals nicht weit her, denn länger wie
12,, bis 2 Stunden hielt man es mit den alten primitiven
Schlittschuhen nicht aus, da mußte man die Dinger wieder ab—
schnallen, weil einem die Füße zu weh taten, denn die Be—
festigung war eine von altersher ebenso mangelhafte wie un—
praktische. Die Schlittschuhe hatten seit uraller Zeit dieselbe
Form: sie waren nur an derben Schuhen bezw. Stiefeln zu
hefestigen, deshalb auch für Damenschuhe nicht zu gebrauchen.
In damaliger Zeit gab es keine Erfindungen und Verbesse—
rungen, es blieb alles wie es bei den Urvätern gewesen war.
Massenartikel, die maschinell fabriziert wurden, kannte man
noch nicht. Alles mußte von Hand hergestellt werden, deshalb
kam man auch nicht viel weiter.
Kinder- und Sportwagen, die nützlichsten und praktischsten
Gegenstände der heutigen Zeit, waren noch unbekannt. Ich
erinnere mich noch sehr gut, wie der erste Kinderwagen in
Saarbrücken auftauchte; er gehörte einer nach hier versetzten
Offiziersfamilie und erregte in unserm Spießbürgerstädtchen
großes Erstaunen. Sofort war aber auch die kleinstädtische
Kritik da. „Die sind zu faul“, sagten einige, „um ihre Kinder
zu tragen!“ Daß ein Baby in einem Wagen gefahren, anstatt
auf dem Arme getragen wurde, war etwas ganz neues. Bisher
mußten die kleinen Kinder von den Kindermädchen stets auf
dem Arme getragen werden, eine wahre Qual für die armen,
manchmal noch schwachen Kindermädchen. Es dauerte aber
nicht lange Zeit, da waren die Kinderwagen allgemein ein—⸗
gebürgert.
Wenn im Bürger- bezw. Handwerkerstand ein kleines
Kind zur Welt kam, dann wurde es in der Regel nach 4 Wochen
nachmittags in der Kirche getauft. Nach der Taufe ging es
in feierlichem Zuge, die Amme stolz mit dem Täufling an der
Spitze, nach dieser die Paten und Patinnen, mit deren Zahl
man der Oeffentlichkeit gegenüber gern renommierte, dahinter
die Eltern und nähen Verwandten, nach der Wohnung der
n des Täuflings, wo der Kindtaufsschmaus gefeiert wurde,
zurück.
Vor der Kirche versammelte sich jeden Sonntag nachmittag
um die Zeit, wenn der Nachmittagsgottesdienst zu Ende ging,
die liebe Straßenjugend. Sobald die Taufgesellschaft aus der
Kirche kam und sich in Bewegung setzte, schrien die vor der
            
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