Full text : Jugenderinnerungen aus der alten Saarbrücker Zeit

einem Hause der Obergasse, wo heute Metzgermeister Wagner
wohnt, gab es schauderhafte Ritter- und Raͤuberkostüme, welche
zu Fastnacht verliehen wurden. Mit diesen Uniformen an—⸗
getan, zwei Clowns mit Holzpritschen in der Hand als Vor⸗
känzer und Faxenmacher an der Spitze, marschierten nun die
Gesellschaft in der Stärke von 8—10 Mann durch die Straßen
von Saarbrücken und St. Johann. Bei dieser Gelegenheit
sah ich, wie ein verwegener „Peijatz“ auf der massiv steinernen
Brückeneinfassung Rad schlug.
An verschiedenen Wirtshäusern maächte die Gesellschaft halt
und trank Bier. Hinter ihr folgte die liebe Straßenjugend
—
und wenn die Katz nicht horig ist, so fängt sie keine Mäuse
nicht.“ Dieses Horiggeschrei däuerte bis zum Dunkelwerden;
dann verliefen sich die Jungen nach Hause, die Maskierten
setzten sich in einer Kneipe fest und die Fastnacht war für diesen
Tag zu Ende.
Fastnacht-Mittwoch tauchte eine andere Gesellschaft auf.
An dem Tage wurde die Fastnacht begraben. Vier Mann
trugen nachmittags auf einer Dungbahre eine Strohpuppe
in langsamem Schritte durch die Gassen der Stadt, dahinter
einige als Frauenzimmer verkleidete männliche Personen,
welche eiserne Pfannenkuchenpfannen auf dem Rücken hatten
und weinten. Es war ein wenig anschauliches Bild. Die
Jugend beteiligte sich an diesem Umzuge, der ihr offenbar nicht
mponierte, mit ihrem Horiggeschrei nicht.
Die Puppe wurde schließlich von der alten Brücke herunter
in die Saar geworfen.
Die Erwachsenen nahmen kaum Notiz von diesen Umzügen
und gingen ihrer Arbeit nach. Ein Maskenball oder eine son⸗
stige Feier fand zu Fastnacht selten statt.
Große Schlachten wurden öfters, hauptsächlich im Spät—
herbst, zwischen der Saarbrücker und St. Johanner männlichen
Jugend ausgefochten. Der Kriegsschauplatz bezw. das e
feld war fast ausschließlich die alte Brücke; eine andere Brücke
führte damals noch nicht über die Saar. Der Krieg dauerte in
der Regel eine Woche, bis eine Partei gründlich geschlagen
war. Gegen 4 Uhr des Nachmittags nach Schulschluß rückten
die Buben beider Städte mit Stöcken bewaffnet an dem
Kampfplatze an Dann riefen die St. Johanner Buben:
„Kommt mal herüber, wenn ihr Courage habt, ihr Saarbrücker
Powaistr...!“ Die Saarbrücker riefen „Kommt ihr doch zu
uns herüber, wenn ihr euch getraut, ihr St. Johanner Wicke—
wacke mit den krummen A.P....!“. Auf diese Weise wurde
das Gefecht eingeleitet, bis sie schließlich aneinander waren
und zuletzt eine Partei, bald die St. Johanner, bald die
            
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