Full text : Geschichte der Abtei Wadgassen

B. Das Kloster Wadgassen im Dienste der Menschheit.

Vortragssprache war in den Kloster- und Stiftschulen meist das La—
teinische; die Dialektverschiedenheiten machten in solchen Schulen, wohin
Schüler aus fernen Gegenden zusammenströmten, die Verwendung der
Umgangssprache unmöglich; doch wurde die Volkssprache nie vernachlässigt.
UÜber Klasseneinteilung und Verteilung des Unterrichtsstoffes erfahren
wir Näheres aus Paul Sieberts (Geschichtlicher Führer 1899 S. 611)
und aus Dr. Kayser (Kehreins Überblick. . . S. 91). Der erstere schreibt:
„Diese Lehranstalten waren jede eingeteilt in eine ‚höhere‘ und „iedere“
Schule. In der „niederen Schule, welche mehr für die Allgemeinheit des
Volkes berechnet war, wurde Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen,
Gesang und natürlich auch in der Religionslehre erteilt. Um die Knaben
lesen zu lehren, wurden kleine Tafeln oder Blätter benützt, auf denen die
Buchstaben verzeichnet waren: zum ersten Schreibunterricht gebrauchte man
mit Wachs überzogene Holztafeln, auf denen mit einem Griffel die
Schriftzeichen eingegraben wurden; das Rechuen geschah mit Hilfe der
Finger, indem durch bestimmte Stellungen derselben, durch Beugen, Strecken
und Umlegen die Zahlen versinnlicht wurden. Schriftlich zu rechnen war
erschwert durch die lateinischen Zahlzeichen; denn die jetzt gebräuchlichen
arabischen Ziffern wurden erst seit dem 12. Jahrhundert in Deutschland
üblich. Diesem Elementarunterrichte folgte dann in der höheren Schule
das Studium der sieben freien Künste.“ Hierzu bemerkt Kayser, „daß
die allgemein wissenschaftlichen Lehranstalten des Mittelalters in zwei
Kurse zerfielen, welche zusammen die sieben freien Künste umfaßten. Den
ersten Kursus, das Trivium, bildeten 1. Grammatik, 2. Rhetorik, 83. Dia—
lekti; den zweiten Kursus, das Quadrivium, bildeten 4. Arithmetik,
5. Geometrie, 6. Musik und 7. Astronomie. — 1. Die Grammatik zerfiel
in drei Unterabteilungen: a) Etymologie (Wortbildung), b) Orthographie
(Rechtschreibung) und c) Metrik (Verskunst). 2. Die Rhetorik (Redekunst)
gab Regeln über die prosaische und rednerische Darstellung. 3. Die Dia—
lektik lehrte die Regeln des richtigen Denkens — Logik. 4. Arithmetik und
5. Geometrie sind die bekannten auch in unsern Schulen noch fleißig be—
triebenen Lehrgegenstände. 6. Der Unterricht in der Musik war theoretisch
und praktisch, doch war die Praxis wegen des Gottesdienstes vorwiegend.
7. Die Astronomie beschränkte sich so ziemlich auf die Lehre vom Tierkreise,
die Kenntnis einzelner Sternbilder und die Berechnung der Finsternisse.“
„Von diesen Studien, sagt Professor Marx II. 416, wurde zu den
höheren Wissenschaften übergegangen: zur Theologie, die bis zur Periode
der Scholastiker als positive Theologie in dem Studium der h. Schrift
und der Werke der Kirchenväter bestand. Nebenbei wurden philosophische,
historische und juridische Studien betrieben, wenn die einzelnen Disciplinuen
— Philosophie, Ethik( Moralphilosophie) Civil- und Kirchenrecht, Profan—
und Kirchengeschichte — auch noch nicht so gesondert und als eigene Fächer
behandelt wurden, wie das später geschehen ist. Was man am wenigsten
wohl erwarten sollte, es wurde in den Klöstern sogar Mediein studiert;
Mönche schrieben nicht bloß medicinische Werke der Alten ab, sondern ver—
legten sich auch auf diese Kunst und übten dieselbe auch innerhalb der
Klöster aus und schrieben selbst Werke über Medicin.“
Die so geschilderten Schuleinrichtungen sind diejenigen, wie sie Alkuin
as Berater Karls des Großen und Vorsteher der Schule zu Tours, und
            
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