Full text: Geschichte der Abtei Wadgassen

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J. Allgemeines über den Wert und die Wirksamkeit 
der klösterlichen Orden im Miittelalter, 
das Princip des Prämonstratenserordens im besondern. 
„Wer eine Geschichte Deutschlands schreibt, muß die Geschichte seiner 
Klöster schreiben.“ Dieser von dem großen Historiker Böhmer ausge— 
sprochene Satz wird in der heutigen Zeit wenig Verständnis finden. Und 
deunnoch ist die Kulturgeschichte Deutschlands im Mittelalter von der Ge— 
schichte der Klöster untrennbar. Das Ordenswesen verhält sich zum gesell— 
schaftlichen Organismus, wie die Medizin zum menschlichen Körper. Es 
gibt keine leibliche oder geistige Not, zu deren Linderung die Klöster nicht 
in hervorragender Weise beigetragen hätten. 
Das Heidentum verachtete die Arbeit. In ihren Klöstern aber waren 
die Mönche durch strenge Regeln zu unermüdeter Arbeit verpflichtet. Durch 
Nachahmung des guten Beispiels bildete die Arbeit das wichtigste Er— 
ziehungsmittel. 
Die Tagesordnung brachte die nötige Abwechslung zwischen Handar— 
beit, Studium und Gebet. Die Idee, welcher dieser Art von Erziehung 
zu Grunde liegt, ist eine erhabene; die Verbindung von Handarbeit und 
Studium dient dem Gelehrten zur Mäßigung in der geistigen Arbeit und 
zur Kräftigung von seiner aufreibenden Thätigkeit, dem Handwerker dient 
sie zur Erhebung und Sammlung. Zur Handarbeit und zum Studium 
kam noch als dritte Aufgabe der Unterricht. Die Kulturbedeutung der 
Klöster ist somit auf drei Gebieten zu suchen; zunächst brachten sie die 
wirtschaftlichen Zustände auf eine höhere Stufe, sie wirkten ferner mildernd 
und zähmend auf die Sitten, endlich waren sie die Brennpunkte der Wissen— 
schaft und Bildung. 
Die Klostergemeinden stellten die freie Arbeit und die Verwertung des 
Besitzes in den Dienst aller. Die Arbeit galt hier als sittlicher Beruf, 
als Mittel der Buße und Sühne sowie als Voraussetzung geistigen Fort— 
schritts; sie war aus Liebe gewählt, man übte sie nicht um des schnöden 
Gewinnes wegen, sondern um die eigene sittliche Kraft zu stählen und von 
dem Erfolge die Not des Nächsten zu mildern. Zunächst wurde das Er⸗ 
worbene zum Unterhalt der Klosterbrüder verwendet; alles, was erübrigt 
wurde, erhielten die Armen der Umgegend; manchmal wurden Geld und 
Lebensmittel auch in entfernte Gegenden geschickt. Eine große Wohlthat 
war die Errichtung von Apotheken und Krankenhäusern; Reisende fanden 
in den Klosterherbergen stets gastliche Aufnahme. 
Eine segeunsreiche Thätigkeit entfalteten die Klöster durch Hebung des 
Ackerbaues und des Handwerks. Die Feld- und Gartenwirtschaft, welche 
von den Deutschen sehr vernachlässigt und den Sclaven überlassen wor— 
den war, wurde in hervorragender Weise gepflegt, Sümpfe wurden aus— 
getrocknet, Teiche angelegt, Wälder gelichtet, Wege und Stege errichtet, 
Brücken geschlagen. Durch die Mönche kamen viele bis dahin unbekannte 
Kulturpflanzen nach Deutschland; das Gestrüpp, welches die Verheerungen 
der Völkerwanderung zurückgelassen hatten, wurde in Gartenland umgestaltet.
	        
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