Full text : Freiherr von Stumm-Halberg und die evangelischen Geistlichen im Saargebiet

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Saargebiet eine Bekanntmachung erlassen, wonach die bisher wegen unbot—
mäßigen Verhaltens abgelegten Arbeiter im Wege der Gnade wieder an—
genommen werden sollen, wenn sie binnen 8 Tagen die Wiederanlegung
nachsuchen. So kommt man also seitens der Behörden dieser Bewegung
mit weit zur Versöhnung vorgestreckter Hand entgegen, was hoffentlich auf—
seiten der Bergarbeiter, die im Wege der nüchternen und besonnenen Be—
urteilung der Lage beharren, gewürdigt werden wird. Es ist ja in der
That so, wie im Reichstage gesagt worden ist, daß eine Stillstellung des
Bergbaues den Anfang der sozialen Revolution bedeutet und es darf nicht
verkannt werden, wie unentbehrlich die Steinkohle für die Aufrechterhaltung
des ganzen Getriebes des öffentlichen und häuslichen Lebens ist, wie müh—
sam und gefahrvoll ihre Gewinnung und wie thöricht es wäre, die Be—
deutung des Arbeiterstandes unterschätzen zu wollen. Nur die christliche
Anschauung von dem Wesen des Besitzes, wonach der Besitzer sich als
Haushalter Gottes fühlt und erkennt und weiß, daß er Rechenschaft dafür
schuldig ist, vermag die immer weiter sich ausdehnende Kluft zwischen Reich
und Arm zu überbrücken. Und sind viele Besitzende nicht weit von dieser
Anschauung entfernt? Aber ebenso würden offenbar auch die Arbeiter sich
selbst ins Unglück stürzen und andere mitreißen, wenn sie ihrerseits nun
den Wert der geistigen Arbeit, die das ganze Getriebe auch des Berg—
baues regelt und zusammenhält, unterschätzen wollten, wenn sie verkennen
wollten, daß Rechte auch Pflichten bedingen: Pflichttreue — das ist im
großen und kleinen das Band, das alles bindet, und sie ist eine Frucht
und Tochter des Christenglaubens, wenn dieser Zusammenhang auch wohl
vielfach verkannt wird. Wir stehen in einer großen Krisis: wie der soge—
nannte dritte Stand sich vor 100 Jahren die Gleichberechtigung erwarb
und errang, so ringt gegenwärtig der vierte Stand nach demselben Ziele.
Das ist eine unverkennbare Thatfache, die der ganzen sozialen Bewegung
zugrunde liegt, — da bedarf es des angespanntesten Zusammenwirkens aller
Kräfte, damit diese große Krisis überwunden, dieses Ziel mit Gottes Hülfe
auf dem Wege, wie ihn die Kaiserliche Botschaft seinerzeit vorgezeichnet hat.
erreicht werde!“

An diesen Ausführungen und ganz besonders an deren letzten
beiden Sätzen, vornämlich an der „Gleichberechtigung des
vierten Standes,“ nahm Freiherr von Stumm den schwersten
Anstoß. Wir geben zu, daß der Schlußpassus in jener sozial so
tief erregten Zeit mißverstanden werden und dadurch beunruhigend
wirken konnte, wenngleich der Zusammenhang, in welchem er stand,
wie die Gesamthaltung unseres Blattes dafür bürgte, daß er in
durchaus sozial-versöhnendem Sinne gemeint war. Wir wollen
weiter gern in Anschlag bringen, daß Freiherr von Stumm gegen—
über seiner großen Arbeiterschaft bedeutende Interessen zu wahren
hatte und von dem Bewußtsein einer schweren Verantwortlichkeit
            
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