Full text : Freiherr von Stumm-Halberg und die evangelischen Geistlichen im Saargebiet

Zur Begründung unserer Erklärung vom 28. Februar. 29

seine mit aller Entschiedenheit geltend gemachte soziale Ueberlegen—
heit und materielle Macht die Arbeiter vor der Sozialdemokratie
bewahren. Sie müssen „eine feste Hand“ über sich haben. Es
handelt sich für ihn um eine reine Machtfrage. Ich habe
schon gefagt, daß wir die Vorzüge dieses Systems voll erkannt
haben. Wir können uns nach unseren Erfahrungen aber nicht verhehlen,
daß dasselbe auch großen Bedenken unterliegt. Seine
Durchführung erfordert ein solches Maß von geistiger Bevormundung
und Ueberwachung der Arbeiter seitens der Arbeitgeber, wie es im
Zeitalter des Verkehrs, der Presse, der allgemeinen Volksschule und
des allgemeinen Wahlrechtes, wie es nach der Streikbewegung auch
im Saargebiete auf die Dauer nicht mehr durchzuführen ist. Unsere
Ansicht ist es dagegen, daß die Arbeiter zu selbständigem und über—
zeugtem Widerstande gegen die Irrlehren der Sozialdemokratie er—
zogen und zusammengeschlossen werden müssen, wie es bei den
evangelischen Arbeitervereinen geschieht, sonst könnte gerade infolge
der strengen Bevormundung ihre Widerstandskraft sich als sehr
gering erweisen. Es kommt hinzu, daß die Selbständigkeit
der kirchlichen Arbeit unter diesem Systeme leidet.
Die Thätigkeit der kirchlichen Organe erscheint mit
diesem System nur verträglich, wenn und soweit sie
sich in dasselbe einfügt. So führt dasselbe zu einer Bevor—
mundung sogar der Geistlichen, wie sie in den S. 57 ff. mitgeteilten
Konflikten des „Evangelischen Wochenblattes“ mit Freiherrn von
Stumm in eine so grelle Beleuchtung tritt. Der Zeitungsstreit der
letzten Wochen hat ferner gezeigt, daß auch weite Kreise der Bürger—
schaft unter dem Drucke dieses Systems leiden und sich dagegen
auflehnen. Es ist dabei in besorgniserregender Weise hervorgetreten,
wie unter diesem System und seiner rücksichtslosen Geltendmachung
in der „Neuen Saarbrücker Zeitung“ ein Geist der Erbitterung
und Erregung' in weiten Kreisen heranwächst, welcher die bedenk—
lichsten Früchte zeitigen kann und, wenn er in die Arbeiterkreise
eindringt, die Gemüter in eine Stimmung hintreibt, welche der
Sozialdemokratie den Eingang sehr erleichtern würde. Darum läßt
sich die Besorgnis nicht abwehren, daß das System, welches Frei—
herr von Stumm vertritt, auch sehr bedenkliche Folgen haben kann.
Der geschilderte prinzipielle Gegensatz mußte einmal her—
vortreten. Dafür, daß es geschehen ist, dürfen wir die Schuld
            
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