Full text: 1934 (0012)

Frankfurt, Dresden, durch Schlesien, und betraten am 5. August bei Wierazow 
die russischpolnische Grenze. Hier wurden ihre mitgebrachten Sachen auf— 
gezeichnet, ihr Vermögen berechnet und ihnen ein Schein zur Fortsetzung ihrer 
Reise nach Warschau ertheilt. Am 16. August trafen sie in Warschau ein und 
wurden von der Stadt-Polizei-Behörde an die kaiss. Kammer gewiesen. Nach—⸗ 
dem sie hier zu Protokoll vernommen worden, erhielten sie ein Schreiben an 
den Beamten eines vier Meilen diesseits Warschau gelegenen Dorfes Pasek 
oder Palzye, nach dessen Inhalt ihnen von diesen in einem morastigen Walde 
Rottland zum Anbau angewiesen wurde. Auf ihre Bitten, um die, nach den 
ihnen in der Heimath bekannt gewordenen Gerüchten, erwarteten Unterstützung 
an Vieh, Ackergeräthe, Saatkorn, und um Wohnungen, sagte ihnen der Beamte, 
daß er weiter keinen Befehl habe, ihnen irgend etwas anzuweisen, als das 
Rottland, welches er ihnen habe zeigen lassen. 
Es war ihnen unmöglich, dieses wüste, morastige Land aus eigenen Mitteln 
auszurotten und anzubauen. Sie giengen daher wieder nach Warschau, und 
wandten sich mit ihrer Bitte an den die kais. Kammer; aber auch hier erhielten 
sie denselben Bescheid, den ihnen der Beamte in Pasek gegeben, und es wurde 
ihnen freigestellt, nach Petersburg zu gehen, wenn sie dort größere Begünsti— 
gungen zu erhalten hofften. Sie entschlossen sich kurz, und baten um Pässe zur 
Rückwanderung in ihre Heimath, welche ihnen auch, jedoch ohne Ertheilung 
neuer, auf ihre mitgebrachten Pässe freigestellt wurde. Sie gelangten wieder 
bei Wierazow an die Grenze, aber hier wollten sie die Grenzbeamte nicht weiter 
passieren lassen, weil es nicht erlaubt sei, ohne Pässe von der kaiss. Kammer 
das Land zu verlassen. Ein theilnehmender Jude gab ihnen den Rath, bei einer 
einzeln gelegenen Mühle, wo nur ein Unter-Grenzbeamter sei, ihren Ausgang 
zu versuchen, welcher ihnen denn auch dort gegen Erlegung eines preußischen 
Thalers, gestattet wurde. — Sie küßten mit Freudenthränen den teutschen 
Boden als sie ihn wieder betraten, und dankten Gott fußfällig für ihre Ret— 
tung, obgleich sie ihre Reise beinahe alle zu Bettlern gemacht hätte. 
Johann Hardy und Nikolaus Eiffler mußten mit ihren Familien 
kleine Tagereisen machen, weil sie in Schlesien, Sachsen und in allen Ländern 
bis in die Heimath, ihre Kinder ausschichen mußten, um bei den gutmüthigen 
Einwohnern um Brod zu betteln. Peter Diewo hatte noch einige Kronen⸗ 
thaler behalten und konnte rascher marschiren. Er machte einen Theil seiner 
Reise mit dem Mathias Rothgerber aus Otzenhausen, im Kreise Birkenfeld, 
welcher ebenfalls nach russisch Polen ausgewandert, und, nach gleichen Er— 
fahrungen, wieder zurückgekehrt war. Sie begegneten auf ihrer Wanderung 
mehr als hundert Familien, welche im größten Elende zurückkehrten und ihre 
thörichte Leichtgläubigkeit verwünschten. 
Jetzt sind Peter Die wo, Johann Hardy und Nikolaus Eiffler mit 
ihren Familien wieder in Besseringen angelangt und betrachten es als die 
größte Wohlthat, daß sie wieder im Vaterlande aufgenommen worden sind, das 
sie wohlhabend und voll erträumter Hoffnungen verlassen, und verarmt und 
dürftig wieder betreten haben. 
Trier, den 24. Oktober 1816. Die Königl. Preuß. Regierung zu Trier. 
—— 
„Die Sehnsucht muß man in seiner Brust tragen, sie muß ein Jeil unseres „Ich“ 
werden, damit wir die Menschen und das Polk in seiner Gesamtheit verstehen lernen. 
Damit das tief in uns wurzelnde nationale Heimatgefühl seinen Ausdruck finden kann. 
Denn wir alle sind erdgebunden, sind heimatgebunden. Wir werden der Heimat im fernsten 
Winkel der Erde gedenken und die Sehnsucht haben, die wir Hheimweh nennen. Und es 
ist darum gleich, wo wir schaffen und was wir schaffen, denn in unserer Arbeit wird 
jstets das heimatgebundene Gefühl in den Pordergrund treten und der Arbeit den 
nationalen, will heißen heimatlichen Charakter geben. Denn heimat und Religion sind 
dem Menschen gegeben, damit er in ihnen die Stützen und die Kraft zum Leben finde. 
Das Sittliche ist Wesen und Inhalt aller unserer Lräume und Phantasien.“ 
Ausspruch Gerhard hauptmanns. 
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