Full text: 1932 (0010)

Selig ſind die Langſamen. 
„Jakob, dann mach doch, daß Du endlich fertig wirſt. Der Peter geht ſchon 
und Du ſitzt immer noch am Mittagstiſch. Du biſt ein richtiger Gottestrendler. 
Jeden Tag die gleiche Leier. Immer muß ich an Dir ſchwätzen und ſchaffen, daß 
Du überhaupt fortkommſt. Guck' nur, der Peter geht ſchon.“ 
„Ah, hör' do<h auf mit Deinem Gejammer. Es iſt no< Zeit. Meine Uhr 
geht richtig und nach der geh' ich fort.“ 
„Du mit Deiner Uhr,“ ſagt die Mutter. „Zweimal haſt Du in den letzten 
vier Wochen keine Schicht gekriegt, immer wegen der Uhr. Der Zug wartet 
doch nicht auf Dich.“ 
„Papperlapapp, ih hab' noh Zeit. Alles übrige iſt mir egal. I< muß doch 
ſchaffen geh'n und nicht Du,“ fagt Jakob und drückt ſich noh ein Weilchen. 
Dann rollt er ſeinen Schweißkittel fein ſäuberlich zu, grad ſo, als ob dies die 
wichtigſte Arbeit von der Welt wäre, bindet fachmänniſch ſein Hängeſeil drum, 
wirft's Bündel über die Schulter, ſteckt ſein Schichtenbrot ein und geht ganz 
gemächlich mit einem mürriſchen Gruß hinaus. 
Meiſt haben die Mütter re<ht. Der Zug und Bruder waren fort, als er zum 
Bahnhof kam, und Jakob konnte mit ſeinem ſäuberlich geſchnürten Bündel 
wieder nac< Hauſe gehen. Den Empfang daheim kann man ſich ausmalen. 
Muttern hat keine zarten 'Ausdrücke gebraucht, hat geſchimpft und gewettert -- 
aber an ider Tatſache, daß Jakob für den Tag keine Schicht bekam, war leider 
nichts mehr zu ändern. 
Und dieſe Trägheit hat den zweiten Sohn der Mutter vor dem ſchrecklichen 
Schickſal des erſten bewahrt. Peter, der Aelteſte von beiden, iſt unter den 
Opfern von Maybach geweſen. Ein Troſt nur blieb der ſchwergeprüften Mutter, 
daß 'die unrichtig gehende Uhr den zweiten ihrer Söhne vor dem furchtbaren 
Bergmannstod verſchont hat. 
Und heute noch, wenn man dem Jakob begegnet und das Geſpräch trifft 
ſich, oder wenn die Mutter wegen ſeiner Trendelei wieder ſchimpft, dann gibt 
er nicht ganz zu Unrecht zur Antwort: „Selig ſind die Langſamen . . “ 
In Memoriam. 
Alle Wunden heilt die Zeit. Wie aus weiter Ferne dringt heute die Kunde 
des ſchrecklichen Geſchehens an unſer Ohr. Verblaßte Erinnerungen drängen ſich 
auf, und doch, wer könnte jetzt ſhon die braven Knappen vergeſſen haben, die 
auf ſo tragiſche Weiſe ums Leben kamen. 
Die Frauen, denen der Gatte genommen, die Kinder, die den Vater ver- 
loren, die Mütter, die ihre Söhne nur noch als ſhwarze Mumie wiederſahen, 
ihnen allen iſt das wundwehe Herz noh nicht geheilt. Umd doch, wie erhebend 
war die ſpontan einſezende öffentliche Teilnahme. Wie ein Mann ſtand das 
ganze Saarvolk zu ſeinen Bergleuten, ein Zeichen innerer Verbundenheit, volk- 
hafter Zuſammengehörigkeit. 
Ueber Iden Gräbern der Knappen wölben ſich die Hügel, verwitterte Kränze, 
verblaßte Schleifen, reden heimlich-leiſe von den Tagen ider Trauer, die ein 
ganzes Volk erſchütterten. Blühende Sommerblumen leuchten zwiſchen den 
düſteren Kreuzen, als wollten ſie alles vergeſſen laſſen, den Kummer und die 
Herzensnot. 
Uns bleibt eins. zu tun. Derer zu gedenken, die ſo jäh und raſch, in der 
Blüte der Jahre, der Berggeiſt aus unſerer Mitte geriſſen, und ihrer nicht 
zu vergeſſen. 
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