Full text: 10.1932 (0010)

noch nicht da iſt, hilft bei den Rettungsarbeiten. Wie ein Lauffeuer geht die 
tröſtliche Kunde durch's Dorf, denn gerade zur Frühſchiht waren die meiſten 
Männer des Ortes eingefahren. 
Die Leute, die in den Gaſſen wohnen, hören die Kunde etwas ſpäter. Plöt- 
lich ſteht eine Mutter im Menſchenknäuel. „Unſer Willi,“ ſagt ſie, „iſt heute 
mittag angefahren. Der kommt no<. Der kann gut laufen. Dem iſt nichts 
paſſiert. Nein, der Willi kommt!“ Und keiner wagt der Mutter die Hoffnung 
zu rauben. Mit unerſchütterlicher Geduld, ſtundenlang ſteht die Frau an der 
Straße, blickt immer nur die Straße hinab, wo er herkommen muß. Der Vater, 
ſelbſt alter Bergmann, geht mit hundert anderen Bergleuten nach der Unglücks- 
grube. Es dunkelt ſchon, als der gvamgebeugte alte Mann zurückkehrt. Schwer 
und langſam iſt der ſonſt noch feſte Schritt, und als er ganz unten noh allein 
um die Ee biegt, ſinkt die Frau oben an der Straße lautlos zuſammen. 
Die beiden Brüder. 
„Erwin, mach' doch, daß 
Du fertig wirſt, der Jo- 
ſeph geht ſchon, ſteck Dein 
Sc<hidtbrot ein und mah, 
daß Du fortkommſt!“ 
„Ac<h Mutter, dränge doch 
niht fo. Mir ſc<meckt's 
heut no< nicht. Weißt 
Du, wenn man acht Tage 
Urlaub hatte, dann iſt die 
erſte Schicht nichts ſchö- 
nes.“ „Na Erwin, Du 
wirſt doch nicht etwa da- 
heim bleiben wollen? 
Heute ſind die Zeiten ſo ſchlecht, daß man keine Schicht verſäumen darf. Geh' 
nur, mach" Dich fertig. Der Zug geht gleich. Haſt Du Dein Brot?“ -- „Alſo, 
adieu Mutter!“ „Gut Schicht, Jhr Bube!“ Freundlich lächelnd guckt die Mutter 
ihren zwei ſtrammen Buben nach. Gut gezogen, anſtändig, nett und folgſam, 
ſind die beiden ider Mutter ans Herz gewachſen. Die Buben ſind fort. Jett 
ſchnell wieder Eſſen gerichtet. In zwei Stunden muß der Vater von der Früh- 
ſchicht kommen. - -- - 
Längſt iſt die Zeit vorbei. Vater kommt nicht. Wo er nur bleiben mag? 
Schon geiſtert die Unglücksbotſchaft dur<'s Dorf. Sterbensſchwach wird's der 
Frau. Was machen? Wohin? Es hilft nichts. Helfen kann nur Hoffen, Harren 
und Beten. Und ſie holt den Roſenkranz, weint und betet mit tiefgläubigem 
erzen. 
Ein ſchwerer, harter Schritt. Jm Dunkel vor der Tür ſteht der Mann. 
Stumm geht er ins Haus. Still ſitzt er, den Kopf in beide Hände geſtüßt. Jetzt 
erſt kommen dem alten, harten Knappen die Tränen. Und nun weiß die 
Mutter, daß ihre Söhne verloren ſind. Kein Wort hört man. Nur bitteres 
anterdrüenies Schluchzen. Die Fittiche des Todesengels rauſchen durch das 
aus. 
Endlich faßt ſich der Mann und erzählt. „I< war ſchon ausgefahren. War 
gewaſchen, hatte die Lampenmarke abgegeben, als ein Getöfe wie von einem 
Erdbeben durch die Erde ging. Was war das? Mein Gott, als alter Bergmann 
wußte ich ſofort, das war eine Schlagwetterexploſion. Meine beiden Buben 
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