Full text: 1932 (0010)

tat Tante Auguſtes Herzen weh. Im Hintergrund wurde getanzt und geſungen. 
Gläſer klangen, Tamburins klirrten. Auf der Tanzdiele drehten ſich im fröh- 
lichen Durcheinander eine Fülle von Tirolerinnen und Rokokodamen, neapoli- 
taniſche Fiſcherinnen und Spanierinnen, zwiſchen denen Clowns mit Pritſchen 
umherſprangen, ſpaniſche Ritter und Dominos in allen Farben. Durch ihren 
ſchwarzen Schleier ſah ſie wie im Nebel die Geſtalt eines auffallend langauf- 
geſchoſſenen jungen Mannes im ſchwarzen Domino, der eine weiße Pirette 
umherwirbelte und ſich auf eine merkwürdig bekannte Art bewegte. Er hatte 
lange Arme, lange Hände und fehr lange Beine und eine helle Bürſte auf 
dem Kopf. Ihr ſchwindelte, ſie ſchaute raſch fort und ſagte zu der Freundin: 
„Guck emol, Mariehe, wann ich nitt wißt, daß der arm Bub geſchor wär, ich 
dät meine, der ſchwarz Domino wär er ſelwer.“ 
Iprfolge des Schlummerpunſches verbrachte ſie die Nacht verhältnismäßig 
ruhig. "m anderen Morgen, am Aſchermittwoch, gleich nach dem Frühſtück, 
fuhren ſie mit ihren Kränzen zu Gdgars Wohnung. Die Ufergaſſe lag nicht 
gerade in der feudalſten Gegend, ſondern ziemlich weit draußen am Rhein, 
und es war.keine „Filla“, die er bewohnt hatte, ſondern ein einfaches, weiß- 
getünchtes Häushen. Es roch nach gekochter Wäſche und es lagen keine Läufer 
auf der Treppe. 
Zaghaft klingelte Tante Auguſte. Eine dicke Frau, die ſich den Seifen- 
ſchaum :an der blauen Schürze abtrocknete, ſteckte das runde Geſicht zur Türe 
heraus und fragte: „Wat is?“ 
Die Damen in Trauer mit den Kränzen fragten nach dem verſtorbenen 
Edgar. 
„Wat woll'n Sie denn von dem?“ Die Frau ſtemmte die Hände in die 
Seiten. „Der is für niemand zu ſprechen.“ 
„Mache Sie kein Geſchichte“, ſagte Tante Auguſte, „un laſſe Sie uns bitte 
enin. J<h bin ſei' Tante.“ 
„Dat kann jeder ſagen“, fagte die Frau und ſtemmte ihre kräftigen Arme 
ſhüßend vor wie die Wotanstochter ihren Speer. „Und wenn Sie zehnmal 
ſei Tant" ſiin, et darf niemand zu ihm, dat hat er mir verboten.“ 
„Der Verſtorbene?“ 
„A<h wat, der Herr Gdgar.“ 
„Aber mein Neffe iſt doh tot?“ rief die verſtörte Tante. 
„Dod? wat?“ ſagte die dicke Zimmerwirtin. „Dä ſchläft da drin in ſinge 
ſchwarze Domino, in dem er heut morjen heimjekommen is, ſinge Kater aus.“ 
„Sprechen Sie eigentlich von meinem Neffen Edgar ?“ fragte Tante Auguſte 
erſtarrt. 
„Ja, natürlich, von wem denn ſonſt? Er wohnt ja bei mir = =“ 
„Aber er iſt doch geſtorben!“ Die Freundin ſchwenkte die Depeſche. 
„Ah wat“, ſagte die Wirtin, „der ſchnarc<t janz friedlich da drin, hören 
Sie doc). Un wenn Sie't partout niht glauben wollen, da, gucken Sie“ = =- 
Damit öffnete ſie die Tür zu Edgars Schlafzimmer. Und das erſte, was Tante 
Auguſte ſah, war eine wohlbekannte leuchtend blonde Haarbürſte in den 
Kiſſen. In ſeinem ſchwarzen Domino, wie er ſich hingelegt hatte, ſchlief Edgar 
friedlich ſ<naufend ſeinen Faſtnachtsrauſch aus. Ohne ſich ſtören zu laſſen, 
daß drei Damen ſein Zimmer betraten und vor feinem Bett ſtanden und ihn 
ſtaunend und ſprachlos betrachteten. 
ua
	        
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