Full text: 10.1932 (0010)

Dor hundert Jahren. 
Wie Saarbrücken zum Landgerichtsſit kam. 
Von A. Z. 
Fiat ivustitia!l *) 
Der Herr Regierungspräſident. 
Das Saarbrücker Landgericht, das jezt no< zum größten Teil in dem 
alten düſteren Gebäude in der Streſemann-Straße tagt, hat in ſeiner mühevollen 
Aufrichtung im Jahre 1835 für uns heute noch feſſelnde Momente. Sie führen 
uns zurück in die Zeiten der „Unterthanen“-Herrlichkeit, der Bevormundung 
und der ſelbſtbewußten, engherzigen Art der „vorgeordneten“ Behörden. 
Gegenüber einem aufſtrebenden Bürgertum erhebt ſi< Se. Hochwohlgeboren 
der Herr Regierungspräſident im Stolz und in verknöcherter bürokratiſcher 
Auffaſſung über die Erhabenheit ſeiner Poſition und Würde. Sie knickt aber 
ſofort auf einen Wink von höherer Stelle zuſammen, wenn's gemeinhin, wie's 
auch kränkt, anders kommt, als man ſich denkt. 
Das arme Saarbrücken, Trier im Glück. 
Das Dornröshen 'an der Saar ſchlief noh, von einzelnen Ausnahmen ab- 
geſehen, den Schlaf des Gerechten und harrte des Ritters aus Stahl und 
Eiſen, der abhold jedes träumeriſchen Hindämmerns ſeine Braut, die bisher ſo 
beſcheidene aber hoffnungsvolle Prinzeſſin, zum blühenden Mittelpunkt in des 
Reiches Südweſten erkoren hatte. 
Die Notjahre nach den Freiheitskriegen ſehen hier ein wohl ſpießbürgerlich 
angehauchtes Völklein, aber ſie blicken zugleich auf ein hartes, leid- und arbeit- 
gewohntes Geſchlecht, ſtets bereit, den Kohlenwinkel zu einem Juwel taten- 
frohen deutſchen Fleißes zu geſtalten. Vor hundert Jahren iſt unſere Heimat 
in der Tat wirtſchaftlich noch von geringer Bedeutung. Man hat eben erſt 
unter ſchweren Sorgen die den endloſen Kriegsleiden folgende Teuerung und 
vor allem die Getreidenot überwunden. Der Kohlenhandel iſt zwar bereits 
in der Entwicklung begriffen, aber bei etwa 200 000 Tonnen Jahresförderung 
nach unſerem Empfinden doch no<h ohne ſonderliche Bedeutung. Unternehmende 
Männer laſſen Holz bis Holland flößen. Andere wiſſen durch einen beſonders 
ſchön duftenden und die Naſennerven kißelnden Schnupftabak ein weithin 
begehrtes Reizmittel kunſtgere<ht herzuſtellen. Wie ich aus ſicherer Quelle 
erfahre, beſiken die Schweſterſtädte 1834 ſogar drei Schnupftabakfabriken. 
Ihre Priſenwavre, „Saarbrücker“ genannt, hat es verſtanden, ſich ſo gut ein- 
zuführen, daß ſie noch heute unter dieſem Namen jenſeits des Rheins fabriziert 
wird. In unſerer Heimat ſelbſt geht im Laufe der Zeiten das Geheimnis der 
Bereitung verloren, ihre Kunſt iſt vergeſſen. 
Der biedere Bürger baut ſeinen „Köhl“, trinkt mit Behagen das von 
20 hieſigen kleinen Brauereien hergeſtellte Braunbier und lebt ſchle<t und 
recht als Ackerbürger oder Handwerker beſcheiden dahin. Allen Leckereien 
und Sc<lekereien iſt man damals noch Jahrzehnte hindurc<h abhold. Ein Zucker- 
bäcker, der dieſen Bann brechen will und iden erſten Tempel ſüßer Kunſt am 
St. Johanner Markt aufſchlägt, muß ſeinen Laden wegen Ueberfluß an 
Kundenmangel bald wieder ſchließen. Wenn die Höchſtgeſtellten ſich in ihrem 
*) Fiat ivstitia, pereat mundus, Gerechtigkeit herrſche, au wenn die Welt dabei 
unterginge. 
Ar
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.