Full text: 1932 (0010)

Ein langer Sonntag. 
Von Screinermeiſter C. Schumann-Saarbrücken. 
Saß der Schuhmacher Walter in der Hintergaſſe in dem Winkel feiner 
Küche, der ſeine Werkſtati darſtellte, vor ſeiner Schuſterbank am Fenſter auf 
ſeinem Dreibein. und blinzelte, den Knieriem tatlos in der Hand haltend, 
nachdenklich in ſeine Sc<uſterkugel, in deren waſſergefülltem Kriſtall goldne 
Sonnenſtrahlen funkelten. 
Faſtnacht war morgen! Dicke Eisblumen malte verſpäteter Froſt ans 
Fenſter, lange ſchwarze Spinnenfäden ſchwangen ſich leiſe in dem vom heißen 
Ofen aufſteigenden Brodem; irgendwo ſummte ärgerlich eine Fliege, einen 
Ausweg ſuchend, im Innern eines Topfes und die Saiten der Gitarre an 
der weißgetünchten Wand klangen kaum hörbar im kKkoſenden Licht der 
Winterſonne. 
Faſtnacht war morgen! Und lange war's her, daß er zum letzten Male 
ſie liebkoſend an die Bruſt gedrückt, ſie, die er ſonſt im frohen Kreiſe zu 
Schelmenliedern geſchlagen, als ſeine Frau noh jung und hübſch und nett 
war und noch nicht den leibhaftigen Satan im Genick hatte. 
Schlimmer konnte Beelzebub in der Hölle nicht ſein, wie ſie! Jhr ewiges 
Keifen, ihr Drangſalieren am Tag, ihr Selten in der Nacht, wenn er mal 
quiefſchvergnügt von luſtiger Geſellſchaft na< Hauſe kam, lagen wie Wagen- 
laſten ihm auf dem Gemüt. 
Aber morgen war Faſtnacht! Langſam reifte in ihm der Entſchluß, mal 
wieder luſtig und mit iden andern fröhlich zu ſein, Schelmenlieder zu ſingen, 
daß es eine Art hatte. Was hinderte ihn denn daran? -- Seine Alte? = 
Ach wo! Die erfuhr einfäch gar nichts davon! Sonntags lieferte er doch immer 
ſeine Schuhe ab, und da blieb er einfach geſchäftlich aus! Sela! 
Und ſc<on hatte er die alte Vertraute ſeiner luſtig verbrachten Tage von 
der Wand genommen, ſtimmte an rangſenden Wirbeln ihre Saiten, räuſperte 
ſich bellend und von den rauchüberhauchten Wänden klang klar und rein 
das alte Faſnachtsbozenlied: 
's is Fafenaacht, "5 is Faſenaacht, 
Die Kiechelher ſinn geback! 
Eraus drmit, eraus drmit, 
Mir ſc<teke-ſe in de Sack! 
Sperrangelweit flog die Türe auf. Mit wütend blitzenden Augen ſtand 
ſeine Frau in ihrem Rahmen. „Haſcht' ſunſcht nix ze duhn?“ grollte ſie ihn 
an. „Schaff Dein Arwet, daß Geld ins Haus kummt!“ 
Lächelnd, ohne auch nur auf ihr Schimpfen im geringſten einzugehen, 
hing er das Inſtrument, die Strumpel, wieder an ihren Plaz. Die Sache 
war für ihn erledigt: es blieb bei ſeinem Entſchluß! 
Morgen iſt Faſtnacht! = = 
Ruhig, wie ſelten verging die Nacht. Am Morgen, wie immer am Sonn- 
tag, packte er die fertigen Schuhe in ſeine grüne Shuhmacherſhürze und, 
als ſeine Frau die Küche verlaſſen hatte, um im Nebenzimmer nach den 
Betten zu ſehen, geſchwind ſeine Gitarre unter den Arm und war = huſch = 
die Treppe hinab, ſo daß er kaum noch vernahm, wie ihm ſeine Frau nach- 
rief: „Um zwelf werd geſſ!“ „Meinetweje!“ dachte er, längs der Häufer der 
altgewohnten Gaſſe hinrutſchend, lieferte ſeine Ware ab und ſaß um zwblf 
uhr in der „blauen Hand“, hatte die Gitarre an der Bruſt und ſang mit 
gleichgeſinnten Bürgern luſtig drauflos. -"Es war doh nur einmal Faſtnacht 
im Jahr! 
u82T 
mile
	        
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