Full text: 9.1931 (0009)

hatten längſt vor, dieſem Lehrer einen Schabernack zu ſpielen. Während ein Mitſchüler 
überſetzte, waren unſere Blicke anſcheinend geſpannt teils auf den Lohrer, teils in 
unſere Bücher gerichtet, denn heute ſoll unſer Plan zur Ausführung kommen. Ein 
Mitſchüler hatte dazu eine kleine Spieluhr mitgebracht, die das Liedchen: „Guter Mond. 
du gehſt ſo ſtille“ vührend feierlich ertönen ließ. Der Lehrer ſtußzte, wir vernahmen 
abgedämpft die Töne der Spieluhr. Der Lehrer dachte nicht an unſere Frechheit und 
ging ans Fenſter, da er glaubte, die Muſik käme von der Straße, aber er mußte das 
Gegenteil feſtſtellen. Die Spieluhr ging ſchnell von Hand zu Hand, während der Lehrer 
immer dem Geräuſch nachzugehen verſuchte. Bald ſpielte die Uhr in den vorderen, 
bald in den hinteren Bankreihen, bald rechts, bald links. Der Geduldsfaden des Lehrers 
riß, doch auf ſeine erregte Frage, wer die Spieluhr habe, erklärten wir alle, daß die 
Muſik von außen käme. Dies ließ ſich der gute Herr aber nicht bieten, fauchte uns an 
und rannte zum Direktor Miriſ<. Nun war es uns bei deſſen Charakter klar, daß 
die Sache eine für uns gefährlihe Wendung nehmen könnte. Die Spieluhr flog daher 
einfach aus dem Fenſter in den gegenüberliegenden Garten. Mit ſtrenger Miene ſtellte 
ſodann 'der Direktor ein Verhör an. Alle 18 konnten wir verſichern, daß wir keine 
Spieluhr hätten und drückten einmütig unſere Ueberzeugung aus, daß die Muſik von 
der Straße gekommen ſein müſſe. Ausſage ſtand gegen Ausſage. Der Direktor wollte 
uns, wie er ſagte, einer beſchämenden Leibesunferſuhung nicht unterziehen und ent- 
ſchied, nachdem wir von unſerer Ausſage einmal nicht abzubringen waren: „Ja, Herr 
Kollege, es iſt do< wohl anzunehmen, daß Sie ſich verhört haben.“ Wir waren froh, daß 
die Sache dieſen Ausgang nahm, doch hatten wir unſere Rechnung ohne unſeren Klaſſen- 
lehrer gemacht. Als er in der nächſten Stunde erſchien, hagelte eine kräftige Moralpredigt 
auf uns nieder und dazu für jeden zwei Stunden Arreſt, die am gleihen Tage -- 
Montags mittags von 3--5 Uhr =- abzuſigen waren. Und zur ſelben Zeit wollten wir 
uns doch mit unſeren Sculfreundinnen auf der „Darler Kirb“ treffen!! Die Pouſſade 
zu verſäumen, war für uns die ſ<Owerſte Strafe. 
Dom Präſidenten von Hammerer 1789. 
In der lezten Regierungsjahren des Fürſten Ludwig von Naſſau-Saarbrücken hatte 
ſich der Präſident von Hammerer, deſſen Emporkommen lebhaft an den Präſidenten in 
Scillers „Kabale und Liebe“ erinnert, in die Gunſt des Fürſten geſtohlen und reſtlos 
deſſen Vertrauen gewonnen. Der Fürſt ſelbſt 390g ſih mehr und mehr von den Regie- 
rungsgeſchäften zurück und ließ von Hammerer ungehemmt ſchalten und walten. Dieſer 
wührte allmählich ein völlig -willkürliches Regiment ein. Er war Chef ſämtlicher Regie- 
rungskollegien, und wie man ſagte, gingen damals unerhörte Dinge bei Juſtiz-, Polizei- 
und Landesangelegenheiten, in Kameral- und fürſtlichen Angelegenheiten vor. Von 
einer unbeeinflußten Rechtſprehung war keine Rede mehr. Das Volk nannte den 
Präſidenten den „Jud Süß“. Als man in den Regierungskollegien einmal einen Angriff 
gegen von Hammerer unternahm, wies dieſer, um die Oppoſition zum Schweigen zu 
bringen, eine nur von ihm, nicht aber vom Fürſten unterzeichnete Resolutio SerenisSimi 
vor. Der Unwille der Untertanen gegen das rückſihtsloſe Vorgehen des Präſidenten 
ſteigerte ſich immer mehr und kam zum offenen Ausbruch, als das Volk in Frankreich 
im Jahre 1789 gegen das abſolutiſtiſhe Regime vorging. Man erhob beim Fürſten 
Vorſtellungen gegen die Mißſtände in dem Fürſtentum, die nicht zulezt durc< das brutale 
eigenmächtige Regiment von Hammerers hervorgerufen waren, man verlangte ſtürmiſch 
die Entfernung des Präſidenten. Man drohte ſogar, dieſen zu lynhen. Zunächſt hielt 
Fürſt Ludwig noch die Hand über ſeinen Diener, aber dann wich er do< dem Drängen 
des Volkes und entließ am 5. Oktober den verhaßten Präſidenten, der vorher ſchon aus 
Saarbrücken nach Brebac gezogen war. Die ſelbſtherrliche Art dieſes Miniſters und die 
Wut der Saarbevölkerung wird anſchaulich in einem Gedicht geſchildert, das ſich als 
Manuſkript im Hiſtoriſchen Verein für die Saargegend befindet und den Titel führt: 
Des Expräſidenten zu Brebach Gedanken und die Meinung 
der Bürger. 
zu Beginn: 
Buch Eſther Kapitel V1l, Vers 12: 
„Haman aber eilte nach Hauſe, trug Leid mit verhülltem Kopf.“ 
Als Motto ſteht 
70Q
	        
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