Full text: 1931 (0009)

er hatte doch dieſen unſeligen Neffen ins Haus gebracht mit ſeinem „Atelier“. 
Die Buchſtaben ſchwammen ihr alle. „Das is mit Blei geſchrieb, ſowas kann 
ich nit leſe,“ ſagte ſie. 
„Nun, dann will ichs Jhnen vorleſen,“ ſagte der Rat und nahm ihr die 
Karte ab. „Dieſe zweite Karte iſt nämlich eine Viſitenkarte von mix . . .“ 
„Von Jhne, wieſo?“ 
„Ja, von mir, meine eigne Karte . . . und auf dieſer Karte . .. Aber 
leſen Sie zuerſt die andere mit der ſchönen Anſicht vom Schloßmuſeum in 
Mannheim. Darauf ſteht, auch mit Blei, wahrſcheinlich in der Bahn verfaßt ... 
Jh will es Jhnen vorleſen: „Liebe Tante Malc<hen. Jh bin gut angekommen, 
Onkel hat mich auf dem Bahnhof abgeholt. Die Geſellſchaft war ſchön 
Heute morgen waren wir im Schloß und haben das ſchöne Frankenthaler 
orzellan geſehen und die Briefe von Schiller“ . . . das iſt natürlich alles 
von A bis Z gelogen, verſtehen Sie?“ 
„An wen is dann die Kart gericht?“ 
„An Sie, gnädige Frau.“ 
„An mich? Un wie komme Sie denn dazu?“ fuhr ſie ihn an. 
„Ig! I<?“ rief der Rat und ſein Sopf wurde violett. „Weil mir die 
Poſt dieſen Wiſh ins Haus geſchickt hat! Die ſchöne Mannheimer Anſichts- 
karte. Und dabei lag dieſe Viſitenkarte = meine eigene Viſitenkarte = =“ 
„Leſe Sie vor,“ befahl Tante Malchen dumpf. 
Der Poſtrat entfaltete ſeine Brille . . . „Hier ſteht: An die Poſt in Mann- 
heim. Bitte wollen Sie beiliegende Anſichtskarte auf der dortigen Poſt ein- 
ſtecken - - - Und zu dieſem ungeheuerlichen Schreiben hat man -- meine 
iſitenkarte benutzt! Verſtehen Sie jezt? Die Karte eines Beamten, gnädige 
Frau Wiſſen Sie, was das bedeutet? Nun, die Poſt hats verſtanden, denn 
ie ſchreibt mir folgendes, hören Sie zu.“ „Sehr geehrter Herr, Jhr Verlangen, 
beifolgende Anſichtskarte einzuſtecken, iſt uns leider nicht möglich, zu erfüllen. 
Wir müſſen es ablehnen, in dieſem Verdunkelungsverfahren mitzuwirken. 
Es wundert uns nur, daß Sie als ehemaliger Beamter ſich zu derartigen 
Durchſte<hereien hergeben. Die Poſtdirektion“ . . . „Haben Sie begriffen?“ 
Nein . . . das hatte Tante Malchen nicht begriffen. „Aber die Kart, un 
mei Nichte -- =“ ſtammelte ſie. „Sie brauchte die Kart doch nur in Mannheim 
einzuſte>e,“ rief ſie. | 
„Aber ſie iſt doh gar nicht in Mannheim,“ ſchrie der Rat. „Sie iſt ja in 
München!“ 
„Woher wolle Sie denn das wiſſe?“ rief Tante Malchen noch viel lauter. 
„Weil der ganze Schwindel von München kommt!“ brüllte der Rat. „Sie 
ſcheinen mir nicht zu glauben, gnädige Frau? Aber hier,“ er ſchlug auf den 
gelben Umſchlag, „halte ich den Beweis in meiner Hand! Das Ganze iſt eine 
abgekartete Sache der beiden hinter unſerem Rücken. Ein aufgelegter 
SE Windel. auf den wir hereinfallen ſollten. Aber die Poſt, meine Dame, die 
Poſt fällt auf ſowas nicht herein, die hat ſie abgewimmelt, und zwar feſte . . . 
Und das muß ih mir ſagen laſſen, ich!“ Er ſc<lug ſich auf den Gehrock, daß 
eine Staubwolke aufſiog . - - „IH, der dem Staat vierzig Jahre in Treue 
gedient hat, ein alter Veteran, der den Feldzug 1870 mitgemacht hat! Und 
die Schlacht von Gravelotte!“ 
„Was hat denn das mit meiner Nichte zu .duhn, daß Sie die Schlacht von 
Gravelotte mitgemacht hawe!“ rief Tante Malchen wütend. 
Der Rat dur<wanderte das Zimmer mit großen Schritten, faſt wäre er 
an dem Vogelkäfig hängen geblieben, hinter deſſen goldenen Stäben ein 
erſhroc>kener Kakadu dieſer erregten Szene verwundert lauſchte. „Sie ſcheinen 
immer no nicht die Tragweite dieſer al erfaßt zu haben, meine Dame! 
Langſame Leitung! Meine Frau hat Weinkrämpfe bekommen! Das iſt der 
Dank, ſagte ſie, daß ich ihm ſeit zehn Jahren ſeine Strümpfe ſtopfe und ihm die 
Wechſel gachle! Ein Atelier hat der Lümmel. Hält Atelierfeſte ab! Eine 
ganze Geſellſchaft iſt darin geweſen, und als der Morgen graute, ſind ſie auf 
den Bahnhof gegangen! In Masken! Haben Sie ſchon einmal ſowas gehört?“ 
Er ſchlug auf den Tiſch, daß die Taſſen klirrten. 
ker F
	        
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