Full text: 9.1931 (0009)

Staatengebilde überhaupt des ſittlichen Sinnes. Wenn es hierfür noh eines Beweiſes 
bedarf, ſo ſind wir alle deſſen Zeugen! Vollſtändig weſensfremd ſtehen ſich „Hindenburg- 
ſtraße“ und Volk in faſt allen bedeutungsvollen Fragen verſtändnislos gegenüber. Unſere 
Lebensader bleibt unterbunden, und ſo iſt, wie wir wiſſen, des Elends kein Ende. Wie 
das Glück des einzelnen nur an Heim und Herd gefeſſelt iſt und niemals in der kalten, 
liebloſen Fremde ruht, ſo ſucht und ſehnt ſi< die Saar, eine Opferflamme am Altar 
Germanias, nach der deutſchen Heimat. Der Fremdling erteilte uns erneut dieſe Lektion 
in der Geſchihte. Doh auch unſere Dornenkrone kündet eine Zeitenwende und wird 
uns zu neuem Geiſtesleben und Glück führen. Schon iſt der Widerſtand gegen unſere 
unnatürliche Lage in allen Geiſtern herangereift, ſie bilden eine unüberwindliche Phalanx, 
an der jede Gewalt ſcheitern muß. Dieſen Schwerpunkt in der Saarfrage hat Ruhmgier 
und Raffſucht der Franzoſen bis jetzt leichthin überſehen, doch an dieſem Damm werden 
die dur< den Sturm der Ruhmſucht aufgepeitſchten Wellen kraftlos zurückrollen. Der 
Geiſt ſiegte noh ſtets über brutalen Machtwillen, das lehrt uns die Geſchichte. 
An dem aufgeſ<hre>kten Weltgewiſſen ſind unſere Anklagen nicht ungehört verhallt, 
aber noh harren ſonnenklare Beſtimmungen des Verſailler Diktats über das Saargebiet 
vergeblich ihrer Erfüllung. Unſere Lage wäre längſt kataſtrophal, hätte 
das Reich niht mit hunderten von Millionen unſeren wirtſ<aft- 
lien Zuſammenbruch verhütet. Dies Moment verſchweigen natürlich die 
Franzoſen gefliſſentlich, ſo oft ſie in dem Sonnenbrand unſerer Wüſte ihre Fata Morgana, 
das Zukunftsglück unter dem Gockel, erſcheinen laſſen und ihre Trugbilder bengaliſch 
beleuchten. Wir alle wollen uns die nackte Wahrheit einhämmern: 
ohne die Hilfe des Reichs wären wir längſt ein verzweifelnder 
und verzweifelter Bettlerhaufen. Die Gewährung der Zollfreien 
Einfuhr eines 1roßen Teiles der Produktion der Saarinduſtrie 
in das deutſche Zollgebiet und die Zuſchüſſe zu den ſozialen Ver- 
ſicherungen haben uns vor dem Wirtſchaftstold gerettet. 
Die Saarverhandlungen ſind geſcheitert; wir wollten uns nicht zu einer dauernden 
Ausbeutekolonie berabwürdigen laſſen. Klares politiſches Denken führt das Kind zur 
hilfebereiten Mutter und verhindert unabſehbares Unheil in einem von Frankreichs un- 
gezähmten Macdhtgelüſten abhängigen Saarland. In ſeiner Zeitentafel ſtehen tief einge- 
brannt unſerer Grenztragödie Jahreszahlen 1635, 1673, 1681, 1792, 1814, 1918--19--? 
Im Laufe der Jahrhunderte lehrt uns jedes Blatt unſerer Geſchichte, daß der Franzoſe 
für unſere Heimat ſtets Korruption, Verarmung und Verfall be- 
deutet, den Aufſtieg aber und immer erneutes wirtſc<haftliches 
und kulturelles Blühen Deutſchland. „O, Gott vom Himmel ſieh darein 
und gib uns rechten deutſchen Mut, daß wir es lieben treu und gut!“ 
Vor uns liegt bis zur Erlöſung aus fremdem Bann und der Heimkehr zum Vaterland 
noch ein beſchwerlicher Weg, ſteinig und voller Dorngehege. Wir müſſen ihn wandern, es 
bleibt uns keine andere Wahl, aber wie eine Feuerſäule wird uns die Hoffnung und die 
Gewißheit voranleuchten, einſt die germaniſche Ehre unſeres Randgebietes rein und 
fleckenlos wieder unter den Schuß des deutſchen Reichsaldlers zu tragen. 
Und ſchlägt der Haß der Wunden viel, 
Es findet unſ'res Schiffes Kiel 
Den Hafen doh durch Well und Wind, 
Wo frei wir und geborgen ſind. 
„Doh harren unſere Brüder im Saargebiet der Rückkehr zum Mutterland, 
Wir grüßen heute deutſ<es Land und deutſches Dolk an der Saar aus tiefſtem 
Herzen und mit dem Gelöbnis, alles daranzuſetzen, daß auch ihre Wiedervereinigung 
mit uns bald Wirklichkeit -wird. Au< ihnen gebührt heute Deutſchlands Dank. 
Wir wiſſen, daß ſie ſtolz ihr Deutſ<tum bewahrt haben, und daß ſie ihre Rückkehr 
zum Mutterlande niht mit Bindungen erkauft wiſſen wollen, die den deutſchen 
Geſamtintereſſen widerſprächen.“ 
Hindenburg (aus dem Aufruf an das deutſhe Volk am 1. Juli 1930). 
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