Full text: 9.1931 (0009)

das „R“ konnten ſie rollen . . . Zu drollig war's, keins von uns konnte es nachmachen! 
-- Und aus dem pfälziſ<en Nachbarſtädthen St. Ingbert kamen die luſtigen, wein- 
frohen Pfälzer, die „Pfälzer Kriſcher“, wie man ſie, ihrer hervorragenden Lungen- 
beſchaffenheit wegen, gutmütig verſpottete. =- Saarbrücken war der Treffpunkt für 
alles! Dazwiſchen das viele Militär: 7. Ulanen, 7. Dragoner, 70er Infanterie =- ohne 
Soldaten kein Saarbrücken denkbar! 
In all dieſen vorweihnachtlihen Trubel von früh bis ſpät =- damals gab's noch 
keine Sonntagsruhe für die Geſchäfte und keinen Ladenſchluß vor 10 Uhr abends -, 
in alles Menſchengewoge durch die Straßen ſah aus den Häuſern hier und da ein ſtilles 
Weihnachtslichtlein verwundert herunter auf all das Menſc<en- und Fuhrwerksgetriebe; 
(Straßenbahn und Auto waren dazumal noh unbekannte Größen, es war die Zeit 
des erſten „Velocipeds“, des hochbeinigen, mörderiſc< gefährlichen Verkehrsmittels). =- 
Stieg man im alten Bürgerhauſe die Treppe hinan, gewiß, ſo klang und ſchallte es von 
friſchen Kinderſtimmen: „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ .. .. auf ging: die Tür, 
ba jaß die Mutter im Kreis der Kinder; die 'Wohnſtube war zur Backſtube umgewandelt. 
„Die Saarbrücker Hausfrau ſieht jeden Konditor als minderwertigen Konkurrenten an.) 
Cin Backbrett, ſo groß wie der Tiſch ſelber, war umlagert von der Kinderſchar; die 
Kinder laſen Korinthen, ſchnitten Mandeln und Haſelnüſſe, rieben Zitronen, rührten 
die verſchiedenen Teige; ja, ich erinnere mich gut noh der früheſten Kinderzeit, da es 
noch keinen geſtoßenen Zucker gab; da wurde ein mit Kraft ausgerüſtetes männliches 
Weſen mitſamt einem ſchweren Mörſer im Zimmer aufgeſtellt =- bum bum -- ſo ging's 
los; und die Mutter „ſchaltete weiſe im häuslichen Kreiſe“, gelegentlih auch mit Ohr- 
feigen, die mit Weihnachtsliedern abwecſelten; mußte dafür ſorgen, daß auch der 
kleinſte Bub ſein Stück Brett mit Teig bekam: Frißz, Friz, waſch der jo noch emol 
die Händ vorher! -- aber troß alles aufgewandten Seifenſc<aums: ſchwarz, kohlſ<hwarz 
gingen aus den Bubenhänden die Männlein und Fräulein hervor, die Hunde und 
Katzen, ſogar die Sterne verloren ihren Glanz; =- es waren eben Saarkinder; „Dreck 
macht Speck“, ſagten ſie tröſtend und ſahen ſich verſtändnisvoll an . . . Jedes anſtändige 
Saarbrücker Bürgerhaus hat zum mindeſten ſeine 10, 15, ja 20 verſchiedene Sorten 
„Zuerdinges“ fabriziert, hatte ſicher ſeine „Spezialrezepte“, die als höchſten freund- 
ſchaftlichen Beweis gelegentlich an die Gevatterinnen ausgeliehen wurden. Der Teig war 
zumeiſt derartig köſtlich, daß wir Kinder behaupteten, ungebacken ſ<meckte er am 
beſten (wir ſagten: „roh“), beſonders der Zimtwaffelteig, und keins kam infolge deſſen 
ohne Leibſhaden davon ... 
An den Schaufenſtern der Fleiſherläden („Metßger“) hingen in langen Reihen die 
unglückſeligen Opfer: die berühmten Spanferkel, die ja auf keiner Weihnachtstafel 
fehlen durften; betrübt ſchauten die armen Schweinden, zuweilen auch ſcheel, nach rechts 
und nach links zu gleiher Zeit, vom grauſamen Fleiſcherhaken herab; ebenſo betrübt 
ließen ſie ihr Schwänzlein hängen; -- und dann kamen die „Kronen der Schöpfung“, 
die Saarbrücker Hausfrauen, und klopften ihnen gar noh die Rippen ab, ob ſie auch 
fett genug ſeien; =- kurzum: es war unleugbar viel heidniſches in das <riſtliche Feſt 
hineinverwoben; jedenfalls waren die Vorbereitungen dazu durchaus „heidniſch-ſinnen- 
freudig“. 
Wenn aber erſt die Glocken von allen Türmen der alten Stadt anhuben, das liebe 
Chriſtfeſt einzuläuten, da wurden doch auch die rauhen, derben, ewig ſpottluſtigen Kinder 
des Saarlandes von der „Weihe des Tages“ erfaßt, und in Treue und Liebe vereint 
ſtand die ganze Familie um die brennenden Lichter des Tannenbaumes, 
Berta Sc<hmidt-Bickelmann. 
Heimweg. 
Das leßte Ziel des Cebens iſt Dollkommenheit, 
Iſt Rückkehr in das ſtille Reich der Ewigkeit, 
Ijt Gott! Don dem die Welten ausgegangen. 
S0 iſt denn unſer innigſtes Verlangen: 
Als Teil von ihm, in ihn zurückzufließen! 
Und daß wir unſern Heimweg ſuchen müſſen, 
Gibt dem Menſd<ſein, das zerſplittert auseinanderfiel, 
Im LCeben und Streben Zweck und Ziel. 
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