Full text: 8.1930 (0008)

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Saarkalender für das Jahr 1939 
Plößlich vor mir ein Getöſe. Staub, Dreck, Holzſplitter, Finſternis. Meine Grubenlampe 
iſt verlöſcht. Kriſchan! rufe ich, nichts, keine Antwort. Ih ſchreie -- keine Antwort. Schnell 
wird die Lampe in Ordnung gebracht. Zurück zum Schacht oder zur nächſten Arbeit. Im 
Laufen treffe ih Kameraden. Stotternd, nach Luft ringend, berichte ich. Schnell iſt das 
Werkzeug zur Hand und mit fieberhafter Eile wird an dem Bruch gearbeitet. „Da iſt ein 
Keſſel gefallen,“ ſagt lakoniſch ein junger Arbeiter, „vielleicht lebt er noch.“ Nur wenig 
Hoffnung hege ich. Immer weiter dringen wir in den Schnitt vor, aber immer noch fällt 
es von oben nad. Wenn er no<h lebt, muß er Antwort geben. Jh ſchreie ſeinen Namen 
in den Berg. Da, wie aus Grabestiefe kommt Aniwort durchs Geſtein. „Biſt du verletzt?“ 
rufe ich. „Nein!“ klingt es monoton zurück. Wir verſuchen mit allen erdenklichen Mitteln 
ein Luftrohr vurc< den Bruch bis zu dem Verſchütteten zu ſtoßen. Vergebens. Der harte 
Erzmantel läßt es nicht zu. Plößlih Klopfzeichen. Sofort ruht die Arbeit. Und ganz fern 
dringt eine Stimme zu uns: „Sagt Frau und Kindern Lebewohl, ſagt ihnen, ſie ſollen 
immer fromm bleiben und anſtändige Menſchen werden. Lebt wohl, Kameraden!“ Wir 
hörten nic<ts mehr. Pikhämmer fahren in fieberhafter Schnelligkeit und mit aller Kraft 
in den Berg. Bohrer ſurren. Die Schippen freſſen Meter um Meter der Schuttmaſſen weg. 
Llebelriehender Shweißdunſt ſteht im Stollen. All unſer Mühen war vergeblich. Nach 
Stunden erſt haben wir ihn geborgen. Er war nur unbedeutend verletzt. Zuſammen- 
gekauert ſaß er tot in der Höhlung des Erzkeſſels. Vor ſi den Stock. Die erloſchene 
Lampe noch in der Hand. Er war mein beſter Kamerad“, ſo ſchließt der alte Knappe und 
Tränen ſtehen ihm in den Augen. 
„Lange Jahre iſt's ſchon her, als ich in einer Partie von 24 Mann beſchäftigt war, 
die einen neuen Schacht anteufte, der heute einer nahegelegenen Grube als Luftſchacht 
dient. Das war eine für damalige Verhältniſſe gut bezahlte, aber auch gefährliche Arbeit. 
Wir hatten beim Abteufen zahlreiche, ſehr ſtarke Waſſeradern angeſchnitten. Armdick 
kamen einzelne Quellen aus den aufgeſprengten Schachtwänden. Die Zementierung und 
Beſeſtigung der Shachtwände konnte nur von kleinen, ſeitlih angebrachten Tribünen 
vorgenommen werden, die gerade ſo groß waren, daß ein Mann darauf ſtehen konnte. 
Als Schuß vor der Näſſe wurde nur im Oelanzug geſchafft. Stets war unter unſeren 
Füßen ein ſchmutzig trüber Waſſerteich von ganz reſpektabler Tiefe. Deshalb mußte auch 
immer Waſſer abgefahren werden. Zu dieſem Zweck waren beſondere Waſſerwagen ange- 
fertigl, die bedeutend größer und ſchwerer waren wie die gebräuchlichen Kohlenwagen. 
460 Meter waren wir tief. Wir mußten den Schacht waſſerleer fahren, weil wir bohren 
wollten, um tiefer zu kommen. Mit Oelzeug und langen Gummiſtiefeln ſtanden wir bis 
zur Bruſt im Waſſer und pumpten oder ſchöpften die ankommenden Wagen voll. Nur 
noh wenige Wagen, dann waren wir fertig. Plötzlich ho< über uns ein Gepolter. Ein 
Fallen, Brechen, Krachen, ein Schlagen und Splittern. Entſezen lähmt uns. Kein Aus- 
weg, keine Rettung in dem runden Schacht. Holz fällt auf uns herunter, Eiſenteile ſauſen 
zwiſchen uns. Da ein Weheſchrei, dort hats einen getroffen, der zuſammenſinkt. Wir 
ſigen zuſammengekauert, den Kopf tief zwiſchen die Schultern gezogen. Immer noch 
regnets Holz und Eiſenteile auf uns nieder und über uns im Schacht ein grauſiges 
Donnern und Poltern. Kein Wort fällt. Jeder weiß, für uns gibts keine Rettung. Dort 
ſißt einer, ſtumm die Hände gefaltet in ſtillem Gebet, jener denkt vielleicht an ſein blond- 
loKiges Kind, ſein liebes junges Weib daheim, die er nicht mehr wiederſehen ſoll, jener 
ſorgt ſich um ſeine alten Eltern oder um ſein liebes Mädel, Einer ſogar betet, der ſonſt 
nur Spott und Hohn für unſeren Herrgott übrig hatte. % Stunden dauert das grauſige 
Toben über uns. Plötzlich ein ohvenbetäubendes Krachen und Splittern, ein einziger 
Schrei, Waſſer ſpritzt auf, ein dumpfer, harter Schlag, und vor uns liegt der zur unkennt- 
lichen Eiſenmaſſe zerſchlagene Oberteil eines Waſſerwagens. Einer nur wurde verleßt, 
die kleinen Shrammen der anderen waren unbedeutend. Und oben an Tag raſt ein junger 
Menſc<, der das Unglück verſchuldet, wie ein Jrrſinniger die Straßen des Dorfes entlang, 
heim zu Vater und Mutter, um ihnen zuerſt von ſeinem gräßlichen Verſchulden und dem 
Unglück, das ſeine Kameraden dur ihn getroffen, zu erzählen.“ 
'11'2
	        
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