Full text: 8.1930 (0008)

Saarkalender für das Jahr 1930 
Wie in den 
Naſſau-Saarbrücker Landen 
der Kleebau offiziell eingeführt wurde. 
Von Walter Henne, Saarbrücken. 
Es war an einem Märzmorgen. 
Fürſt Lud wig, der letzte in Saarbrücken reſidierende Fürſt, war ſchlecht gelaunt. 
Kein Wunder! Der Staat, an deſſen Spitze E r ſtand, war no<h lange nicht auf der 
Höhe, die Sereniſſimus als erſtrebenswert erachteten. 
Tag und Nacht ſann Er darüber nah, wie Handel, Gewerbe und Landwirtſchaft in 
den Naſſau-Saarbrücker Landen zu heben ſeien. Ein mühſeliges Geſchäft. = =- - 
„Dunnerſchlag no< mal“, rief Sereniſſimus, „dieſe vertrackten Bauern! Aufhängen 
ſollte man ſie! Die Nachtweiden ſind ſeit anno 64 abgeſchafft. Stört ſich keiner dran! 
Cine Forſtverwaltung iſt eingerichtet mit einer kriegsſtarken Kompanie Beamten, in der 
Hoffnung, endlich einmal einen geſcheiten Wald zu bekommen. -- Aeh! Verſtehen Sie 
meine Herren, den ſchönſten Wald im Heiligen Römiſchen Reich Deutſcher Nation müſſen 
wir hier an der Saar haben, wonach ſich zu richten gebeten wird! -- -- Und dieſe 
Malefizbauern fahren mit ihrer ganzen vierbeinigen Habe in Meine Wälder! Als ob's 
nicht verboten wäre. Das Laub ſtreifen ſie ab, damit ſie Winterfutter haben. Nächſtens 
werden ſie noFz die Bäume dazu verfüttern.“ 
„So weit kommt's noch“, murrte der Herr Ober-Jägermeiſter von Fürſtenrecht. 
„Durchlaucht“, wagte einer der Herren zu ſagen, „Edler Fürſt! Wenn den Bauern 
nicht d a s bißchen gegönnt wird, wir würden, mit Reſpekt zu ſagen, demnächſt nach über- 
ſtandenem Winter von dem Viehzeug unſerer Landleute nichts mehr ſehen. Jſt ja ſo ſchon 
nichts dran, als Haut und Knochen, ſoweit es in dieſem Winter nicht eingegangen iſt.“ 
„Sereniſſimus erlauben, daß auch ich ganz ſubmiſſeſt meine Meinung ſage: „von Moos 
allein läßt ſich kein Rind fett machen,“ ließ ſich ein anderer vernehmen. 
„Ah!“, knurrte Sereniſſimus, „man will Mich belehren!? Hat nicht Mein erlauchter 
Vorgänger Wilhelm Heinrich -- Gott hab" ihn ſelig! =- angeordnet, daß zwiſchen dem 
erſten Schnitt und dem zweiten die Wieſen niht mehr ſo ſinnlos zu beweiden ſind? He? 
Mögen ſie ſich darnach richten. Dann werden ſie Heu genug bekommen. Und über- 
haupt = =- -- =“ 
Damit verſtummten Jhro Gnaden. Ludwig fiel plößlich etwas ein. Er dachte nach. 
Das Ihn umgebende Kollegium erſtarb in tiefem Schweigen. Und dachte auch nach. 
Nämlich darüber, was der Fürſt mit dem „überhaupt“ ſagen wollte. Sollte da nicht wieder 
ein Gehaltsabzug oder ähnliches dahinter ſtecken? 
Sereniſſimus fuhren ſich mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand 
über die Naſe. Immer rauf, runter, rauf. Ein Zeichen, daß Er jetzt ganz angeſtrengt 
nachdachte . 
In der Runde wurde es immer ſtiller. Und noch ſtiller. Sogar die große Standuhc 
ſetzte aus. 
Endlic< hörten Sereniſſimus auf, in der beſchriebenen Weiſe die hohwohlgeborenz2 
Naſe zu glätten. 
„Meine Herren!“ 
Die Herren nahmen Haltung an. 
„Meine Herren! Es muß anders werden! Und es wird auch anders! Das garan- 
tiere Jh Ihnen! Entſinnen Sie ſich, auf Ihren Kreuz-. und Querzügen dur<h Lothringen 
und Flandern eine ſeltſame Wieſenpflanze geſehen zu haben?“ 
“ 
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