Full text: 7.1929 (0007)

Saarkalender für das Jahr 1929 
  
Mir wurde direkt ,„blümerant“, und eine gelinde Wut überkam mich denn doch 
darüber, was man sich beim Kommiß alles gefallen lasſen mußte. Meine bloße Haut lag 
frei, auf welcher, auch wenn keine „Löhnung“ ihn jemals ſchwellen machte, ein netter 
„Extra“-Bruſtbeutel schwankte. 
„Gut. Wenden Sie alle Ihre Taschen um. Legen Sie, was Sie drin haben, hierher ~ 
nachher können Sie ja alles wieder einstecken.“ 
Das empfand ich als die größte, entwürdigende Gemeinheit, aber –~ Befehl iſt Befehl. 
Da ich augenscheinlich rechtmäßiger Eigentümer von Taſchentuch, Taschenmesser, silberner 
Uhr an starker Nickelkette und einiger anderer Kleinigkeiten war, auch keine ſilbernen 
Löffel, nicht mal den kleinsten Teelöffel, geſtohlen hatte, durfte ich wieder einpacken und 
des „Königs Rock“, welchen mein lieber Vater mit seinem eigenen Geld bar bezahlt hatte, 
zuknöpfen. Ich wähnte diese rätselhafte Prozedur nun überſtanden. Aber dies war eben 
hir eit wahn, das war nur das ein e „dicke Ende“, das andere, ebenfalls recht ,dicke“, 
am nach. 
„Feldwebel“, wandte Bauer sich an diesen, „Sie gehen mit dem Freiwilligen M. jetzt 
sofort nach seiner Wohnung und handeln strikte nach Befehl!“ 
„Jawoll, Herr Hauptmann ~ kommen Sie mit, Freiwilliger.“ 
Ich durfte doch noch meinen Extraanzug anziehen, mein kurzes Schlachtſchwert, vulgo 
„Käsmesser“, umschnallen, meine kokardegeſchmückte Mütze aufs Haupt setzen, die weißen 
Waſchlederhandſchuhe anziehen, und so zog ich, wie auf gemütlichem Spaziergang, an 
der Feldwebels linker Seite durch die Straßen dahin, harrend der Dinge, die noch kommen 
ollten. 
„Darf ich an Herrn Feldwebel die Frage richten, was denn das alles zu bedeuten hat?“ 
konnte ich doch nicht unterlassen, höflich den ſtummen Gang zu beleben. 
„Fragen können Sie, bloß kriegen Sie keine Antwort ~ dienſtlicher Befehl“, knurrte 
die Kompaniemutter und sah mich verſchmitzt-dreckig kaum von der Seite an. 
„Blaſ’ mir den Hobel aus,“ dacht ich im Stillen, denn so etwas laut zu sagen, wäre 
gegen jede frühere, jetzige und künftige Disziplin und soldatisſche Ordnung gewesen, was 
ſselbſt dem grünsten militärischen Laien einleuchten muß. 
In meinem netten möblierten Zimmer angekommen, mußte ich zunächſt meine 
Schranktüren öffnen. Ein Zivilanzug wurde mit der Bemerkung verſehen: „Sie gehen 
wohl hin und wieder in Zivil aus?“ 
„Nein, Herr Feldwebel, der hängt noch seit meinem Eintritt ins Regiment un- 
benützt da.“ 
„Was iſt das da unten im Schrank?“ 
„Violinnoten und meine Geige in ihrem Kaſten.“ 
Die Tatsache, daß ich Musik trieb, zauberte bloß ein mitleidiges, faſt verächtliches 
Lächeln auf das holdselige Antlitz der Kompanie-Mutter. 
Der Violinkasten mußte geöffnet werden und wurde selbſt in dem kleinen Behälter 
durchſtöbert, welcher dem Kolophonium und einigen Reservesaiten als Unterkunftsraum 
dient, die Notenbände einzeln geschüttelt, meine Wäſchegegenstände durchgemuſtert, Griffe 
in die Sofafalten getan, der Nachttisch unter Hintansetzung jeglicher frommen Scheu vor 
diskretem Gefäß untersucht, die Tiſchdecke aufgehoben, der Ofen und jeder Winkel des 
Zimmers beaugenſcheinigt und sogar das Bett bis unter die Matratze und Kopfkissen, bis 
aufs nackte Gurtgeſtell durchforsſcht. 
Wonach? Wußt’ ichs damals? Bloß, daß man so was auch ohne jede juriſtiſche Vor- 
bildung als ,„Leibesviſitation und Hausſuchung“ bezeichnen müſſe, war mir klar. Im 
Zivilleben gehört zu sſo was, soviel mir bekannt, schriftliche Anordnung eines höheren 
Richters – in England wenigstens beſtimmt, beim Militär aber geht das, wie der Augen- 
ſchein lehrte, in vereinfachtem Maſssenverfahren. Man hat nicht nur das wenig geehrte 
Maul, sondern überhaupt im ganzen stille zu halten und sich gänzlich der überlegenen 
Intelligenz der Vorgesetzten mit oder ohne Zutrauen in die bewährten Arme zu werfen. 
„Na, is jut, Freiwilliger! Js alles bei Ihnen in Ordnung,“ sagte schließlich der Feld- 
webel, nachdem er ,alles bei mir in Un ordnung“ gebracht hatte. 
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