Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
  
Die Landwehr-Infanterie trug als Kopfbedeckung einen mit Wachstuch überzogenen 
Tschako, dessen besonderes Merkmal ein unglaublich langer Mützenschirm bildete. Dieser 
Mügtzenſchirm war die Veranlassung folgender Anekdote, die uns den „Kommißkram“ dec 
„Jquten alten Zeit“ wie keine andere vortrefflich zu Gemüte führt. 
Wieder einmal war „große“ Uebung. Die Kompagnie hatte ſich bereits formiert 
und der Kompagniegewaltige setzte gerade den Dienst für den nächsten Tag an. 
„Antreten der Kooompagnii morrrgen früh um sechs Uhrrr!“ 
'Ein biederer Landwehrmann tritt vor. 
„Herr Hauptmann, dat lo dat gett nit!“ 
Als der Herr Hauptmann ebenso verwundert wie drohend nach dem Grunde frägt, 
erhält er die Antwort: 
„Er weil dat unter den Mützenschirmen erscht um achte Dag gift!“ 
m. H. 
Vergilbte Blätter! 
Gesammelt von R. Rud. Rehänek. 
Nichts iſt geeigneter, uns über die Kul- 
turverhältnisse der sogenannten „guten 
alten Zeit“ Aufschluß zu geben, als die 
„Zeitungen“, die vor 100 und mehr Jahren 
als „Intelligenzblätter“ in den Verkehr 
gebracht wurden. Im nachfolgenden eine 
kleine Auslese. 
Von der Behandlung Ertrungck e- 
n er vor 100 Jahren. 
Auszüge aus einer Bekanntmachung des 
Landrates von Saarlouis vom Jahre 1819 
im jIutelligenzblatt“ des Kreiſes Saar- 
ouis.“ 
„J. wird der Ertrunkene ausgekleidet 
und, wenn es möglich ist, auf eine Matraze. 
den Kopf hoch, den Körper seitwärts ge- 
legt, dann mit Flanelle oder sonst mit einem 
wollenen Stoffe abgerieben. Der Kopf 
wird mit einer Kappe oder einem Tuch 
verbunden. 
2tense. wir d mit einem R öhrgen 
durch den Mun d Luft in die Lunge 
g e blasen. 
3tens. mu ß d ie Na s e un d d er Hals 
inwärts mit dem Hart einer 
Feder -g ekitz elt, Tabak in die 
Nase od er Tabak s-R auch in das 
Gesicht ge bla ſen werden. 
4tens.. muß der ganze Leib mit Brannte- 
wein gewaschen und äbgerieben werden. 
Wenn der Kranke zu sich kommt, Brannt- 
wein löffelweisſe zu trinken geben. –“ 
Eine weitere Vorschrift des Landrats im 
jM!ekligenzblatt des Kreises Saarlouis“ 
autet: 
. . . „nun bläset ein Gehülfe gelinde 
Luft ein (nachdem der Ertrunkene wie oben 
bearbeitet wurde) entweder vermittels des 
Blasebalges, dessen Spitze mit einem nassen, 
leinenen Lappen umwickelt, in den Mund 
gebracht ist, der ringsum zugehalten wird, 
oder noch besser, Mun d au f Mun d g e- 
l e q t (brr!), indem er die Nase des Er- 
  
trunkenen so lange zuhält, bis ſich die Bruſt 
hebet. Sobald dieses geschehen, läßt er mit 
Einblaſcn nach, die Naſe wird auch freige- 
laſſen und dabei die Bruft gelinde zuſam- 
mengedrückt, daß die eingeblaſene Luft 
wieder aus den Lungen herausgeht. Her- 
nach wird wiederum eingeblaſen und damit 
wie bei dem natürlichen Atemholen abge- 
wechſelt, bis entweder etwas Bewegung 
im Pulse oder am Herzen verspürt wird, 
oder auch alle Hülfe vergeblich iſt. . 
„Iſt eine Electriſirmaschine vorhanden, so 
kann man ganz gelinde Schläge vorn von 
der dritten Ribbe der rechten Seite bis zur 
siebenten der linken Seite hingehen lassen, 
jmd ſie von fünf zu fünf Minuten wieder- 
olen.“ 
. . . . . „Sollten aber alle dieſe Mittel 
vier bis sechs Stunden vergeblich angewen- 
det seyn, so könnte man den Ertrunkenen 
noch etwa eine Stunde in warme Alſche, 
Sand oder Kleie legen, oder wenn auch 
dieses vergeblich oder schwer herbeiznu- 
schaffen wäre, mit warmem Miſt, besonders 
mit Pfcrdemiſt bedecken, wobei der Kopf 
aber immer freiliezjen und das Luftein- 
blaſen fortgesetzt werden muß und sobald 
sich hier noch Lebenszeichen bemerken 
lassen, muß man wiederum das Reiben .. 
mit zur Hülfe nehmen, bis das Leben völlig : 
hergestellt iſt. (Scheinbar gingen unsere 
„Alten“ von der Voraussetzung aus, ſich 
gleichzeitig das bekannte Experiment mit 
einem „unter Alkohol gesetzten“ Insekt,, 
das, in warme Zigarrenaſche gelegt, wieder 
„lebendig“ wird, zu Nutze machend, daß 
Nche, Kleie oder Pferdemist in gleicher 
Weiſe zee den Ertrunkenen einwirken 
würde. Ô 
Wenn aber nach acht Stunden, vom An- 
fang der Hülfe an, alles fruchtlos geblieben 
ist. so iſt auch nach menſchlicher Erkenntniß 
kein Leben mehr zu erwarten. . . . . . 
.
	        

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