Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
  
  
inneren Rocktaſche untergebracht werden konnte, bei der geringſten Bewegung lugte es 
oven am Rockkragen heraus. Da aber nun das Verzollen eine etwas umſtändliche Sache 
iſt, und man während dieser Zeit meiſt zuſehen muß, wie der Zug, ohne uns aufzunehmen, 
davonfährt, iſt die Verſuchung natürlich sehr groß, die Verzollung zu umgehen. Auch 
dieser Mann, der zufällig dem Beamten bekannt war, verſuchte, ohne geſehen zu werden, 
durch die Zollhalle zu dem Ausgang zuzuwandern. Schon war das Ziel beinahe erreit, 
da ruft der Eeamte ihn an: „Sie Herr, ja ja, Sie da, haben Sie nichts zu verzollen?“ 
Au? eine solch bestimmte Frage kann man eigentlich nur mit Ja oder Nein antworten. 
Das mach! der Gefragte aber nicht, sondern er sagt ganz beſcheiden: „Jch weiß es nicht.“ 
Auf diese Antwort war der Beamte nicht vorbereitet, wurde aber doch sofort stutzig. 
„Sie müſsſen doch wissen“, meint er nun eindringlicher, „ob Sie neue Sachen bei ſich 
haben, die zollpflichtig ſind? „Das wieß ich ebe nit.“ sagt gleichgültig der Gefragte und 
fühlt verſtohlen, ob nicht das Eisenstück am Rockkragen sichtbar wird. „Soll ich Sie 
im Kabinett einer Leibesvisitation unterziehen lassen?“ fragt darauf der Zollbveamte. 
Und noch viel ruhiger wie vorher entgegnet ihm der Herr: „Wenn es Ihnen besondere 
Freude macht, stelle ich mich Ihnen gern zur Verfügung.“ Nun wurde dem Zollbeamten 
die Unterhaltung zu lang. er faßte auch die sſpitfindigen Antworten als an ihn perſönlich 
gerichteten Sport auf und abſchließend sagte er: „Gehen Sie, Sie haben doch nichts, Sie 
wollen mich nur zum Besten halten.“ Und ohne besondere Eile verließ der Herr die 
Zollhalle, innerlich frohlockend, daß ihm dies Stückchen gelungen war. 
Ganz schlau machten es die Bergleute. Es herrſchte große Not unter den „Saar- 
gängern“, denn sie verdienten hier minderwertige Franken, während ſie drüben nach 
Goldmark kaufen und leben mußten. Besonders Lebensmittel, die im Saargebiet rer- 
häl!nismößig viel billiger waren, wurden von den Knappen mitgeholt. Vor collem 
Fleiſch, Brot und Konserven, aber auch Kleidungsstücke. Brot wurde wohl am meiſten 
über die Grenze geschmuggelt. Wie das gemacht wurde? Sehr einfach. Jeder der 
Knappen hatte einen Nagel in der Taſche. Mit diesem Nagel wurde das Brot unter tie 
Sitzbank festgenagelt. Alles rückte nun dicht zuſammen und jeder qualmte aus qjeiner 
Tonpfeife seinen Rolltabak, daß das Abteil dick voll Rauch ſtand. Dem Beamten war da- 
durct: die Luſt zu längerem Verweilen und genauer Kontrolle genommen. Auf diese 
Weise wurden tauſende von Broten hinübergeſchmuggelt, bis ein findiger Beamter eines 
Tages doch hinter den Trick kam. Da hatte die Herrlichkeit plötzlich ein Ende. 
Wie man aber auch unschuldig wie ein Lamm am Zoll peinliche Ueberraſchungen 
erleben und in Unannehmlichkeiten fataler Art geraten kann, dafür diene nachstehendes 
Erlebnis eines Freundes. Ich traf ihn auf dem Bahnhof mit verdrießlichem Gesicht.. Er 
erzählt: „Ich komme von Köln, habe dort Verwandte besucht und lernte bei dem fröh- 
lichen Beiſammensein den ausgezeichneten Tobak des Hausherrn kennen, lieben und 
loben. Bei der Abreise steckten meine Wirte wohl in Erwiderung meiner Geschenke 
heimlich zwiſchen Wäſchestücke in meinem Koffer eine Kiſte der vielgerühmten Lieblings- 
forte. Ahnungslos komme ich an die Grenze und antworte auf die etwas barſche Frage: 
„Haben Sie in Ihrem Koffer Zollpflichtiges?*“ In derselben Tonart: „Nix is drin als 
Zeug und Wösche!“ Der Zöllner greift hinein und zieht sofort zu meinem Erstaunen und 
Schrecken eine Kiſte Zigarren hervor. „Kommen Sie mit!“ Es gab eine längere Aus- 
einanderſezung. Auf der Kiste lag als meine beste Verteidigung ein Zettel mit dem 
schönen, aufklärender Vers: 
Denk an uns, wenn nach dem Schmauſe 
Du sie rauchſt in deiner Klauſe; 
Wir packten sie Dir heimlich ein, 
Sie werden Dir willkommen ſein. di 
ina. 
Alles vergeblich, man lachte mich sogar noch aus und meinte, derartige Schliche seien 
nicht unbekannt. Zigarren weg! Dazu eine Geldstrafe, über die des Sängers Höflichkeit 
ſchweigt, da ich Schadenfreude haſſe. Aber soviel will ich verraten, daß ich mehr zahlen 
mußte, als meine Reise nach Köln gekostet hat. Seit jenem Tage hasse ich jeden Zöllner, 
ob er gut oder böse sei.“ Ich bot meinem Freunde zum Troſte eine meiner Zigarren an, 
als alter Keltenraucher fühlte er die beruhigende Wohltat des Nikotins und ſagte 
resigniert: „Menſch, nun tue mir nur noch den einzigen Gefallen und erzähle nichts von 
meinem Reinfall am Stammtiſch.“ Das habe ich auch nicht getan, dafür es aber 
für den Saarkalender niedergeschrieben, nicht aus Schadenfreude, ſondern als Warnung 
ftr gute, y;zdierirohe Verwandte: Packt nur nichts heimlich ein, das kann sehr unwill- 
ommen ſsein! 
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