Full text: 1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
Stück ... Endlich, endlich hob sich der Vorhang und das Paradebett sſtand vor unseren 
Augen .... Es bestand in einer eiſernen Bettſtelle, verſchwenderiſch mit rotem Kattun 
geſchmückt, und unter einem pomphaften Baldachin aus rotem, staubigem, mit Gold- 
franſen beſettem Samt lag weiß und ſtill die schöne tote Genofefa... in ihrer aus- 
einandergebreiteten Lockenpracht, das Kind kniete zu ihren Füßen und weinte... Im 
Hintergrund weinten ihre treuen Knechte und Mägde .... Es war ergreifend, das ganze 
weibliche Theater schluchzte... und Genofefa sah sehr unheimlich aus, mit dem ruhig 
atmenden Busen unter dem weißen Leintuch, da sie doch tot war ... 
Wir gingen benommen im strömenden Regen heim unter unseren Schirmen. Es war 
Mitternacht geworden. Aber als ich heim kam, stand leider nicht die erwartete Köchin 
mit der Kerze an der Hoftüre, sondern mein Vater mit der Reitpeitſche. Und als ich 
auf die Frage, wo kommſt Du her, zaghaft, aber der Wahrheit gemäß, antwortete: „Aus 
dem Theater,“ iſt es mir nicht gut ergangen ... Und vielleicht hat sich deshalb das erſte 
Traverſpiel meines Lebens so tief und lebendig eingeprägt, daß es mir iſt, als habe 
ich es erſt geſtern auf dem Marktplat zu Dudweiler erlebt. 
~- 
Stoß - Seufzer. 
De Vatter wuhlt im Haus erum = 
Was duht’r dann nur ſuuche? 
Er reißt die Schublad uff un zu, 
Duht knurre nur un fluuche. 
De Nähkorb kramt 'r dann noch aus, 
Schmeißt alles in die Ecke. 
De Deiwel hol den Zottelkram, 
Do möcht m'r ball verrecke. 
Die Buwiköpp, die Farerei, 
Was kann do alles nutze, 
Im ganze Haus ke Ho ornodel 
Meh'’ for die Peif' se butze. 
A. Jantzer-|St. Ingbert 
]- 
„Der Preußenmarſch“ im franz. Grubenkaſino. 
Es war in den erſten Jahren der fran- jeder Seele. Die Zuhörer, die den Marſch 
zösiſchen Grubenverwaltung, als folgendes von ihrer Jugend her schon kennen, waren 
luſtige Stücklein passierte, das es ſchon ver- 
dient, der saarländischen Nachwelt erhalten 
zu bleiben. Der Kapellmeister einer der 
größten Gruben unserer Heimat stand wäh- 
rend einer Musſikpauſe vor seinem Noten- 
pult und sah mit zufriedenem Lächeln auf 
die zahlreichen Zuhörer des Nachmittags- 
konzertics im Grubenkasino. Früher kannte 
man da nur deutſche Musikstücke, doch muß 
heute dem franzöſiſchen Brotgeber, wenn 
auch widerwillig, Rechnung getragen wer- 
den. Als nun aus dem Publikum ganz 
verſtohlen der Wunsch nach dem ,Preiße- 
marſch“ laut wurde, ließ sich unser guter 
alter Kapellmeister das nicht zweimal sagen. 
Ein paar Worte an seine Leute, ein kurzes 
Tippen auf das Notenpult, und mit Wucht 
brauft er mit seinen begeiſternden Rhythmen 
dahin, der bekannte zündende Preußen- 
marſch. Ein jeder der 40 Mann starken 
Kapelle gab von Herzen, was er konnte, 
und blies, daß es eine Luſt war, den Klän- 
gen zu lauschen. „Ich bin ein Preuße, kennt 
ihr meine Farben“ jubelte es befreiend in 
am Anfang sprachlos, wie der ,„Preußen- 
marſch“ in das heute französiſche Gruben- 
kaſsino hineinschmetterte. Als der letzte 
Takt verklungen war, setzte ein nicht enden- 
wollender Beifall ein, derart stark, daß auch 
die anwesenden Franzoſen ahnungslos 
kräftig darin einſtimmten. Der Chef der 
Grubenverwaltung erhebt sich sogar von 
seinem Platz, tritt auf unseren unerſchrocke- 
nen Kapellmeister, einen alten früheren 
Militärmuſiker, zu, klopft ihm freundlich 
auf die Schulter und sagt: „Da s ist ein 
qutter feiner Stick, wie eiſt er ?“ 
Der Kapellmeiſter reißt vorſchriftsmäßig 
die Hacken zuſammen und murmelt da 
etwas in seinen grauen Bart, das der 
„Chef“ vergeblich im Wörterbuch sucht. Er 
soll aber später, als er hörte, daß es der 
„Preußenmarſch“ war, ein gar dummes 
Gesicht gemacht haben. Drei Tage ſpäter 
halte der biedere unerſchrockene Kapell- 
meister für seinen Marſch den Ab schi ed, 
den er jedoch, wie ich hinzufügen darf, still- 
vergnügt hingenommen hat. | 
E V Y 
 
	        
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