Full text: 1928 (0006)

  
Saarkalender für das Jahr 1928 
weißem Arm ſah, den sie traurig auf den Tiſch geſtütt hatte. Vor ihr stand ein 
Krug Waſſer und lag ein Stück Brot... Der Knabe weinte, er hatte Hunger ... 
Genofefa beklagte ihr trauriges Gesſchik unter Tränen, sie hatte sich das Haar auf- 
gelöſt, trug aber immer noch das pompöse Sammetkleid. Schon klirrte es Unheil 
verkündend draußen und ein Wärter ließ Golo eintreten... Er trug ein Lederwams 
mit grünen, ausgezackten Puffärmeln und breiten Schlitzen, ein keckes Jägerhütchen 
ſaß ihm auf einem Ohr, er hatte eine rote Nase und sah sehr böse aus. Er ſtellte 
ſich breitbeinig vor die ſchöne Frau und fragte in drohendem Ton, ob ſie sich besonnen 
habe. Aber Genofefa hatte ſich nicht besonnen. Sie schüttelte das Haupt und drückte 
das Kind feſt an sich. „O Golo, Du bist so hart wie ein Stein, der am Wege liegt, und 
ſich nicht rühren läßt,“ sagte sie sanft... „Also nein?“ grollte Golo außer ſich. „Dann 
zieh in die Waldeseinsamkeit, dort kannſt Du weiter nachdenken,“ stieß der Wüterich 
zornrot hervor und rief zwei Kerkerknechte hervor, die die arme Frau mit dicken 
Stricken fesseln mußten und stieß sie zum Kerker hinaus, und dem Knaben versetzte 
er einen Tritt, der ihn der Sympathie des letzten Zuschauers beraubte. Der Vorhang 
fiel. die Orgel wimmerte weiter, der Regen rauſchte, ein Kellner wand ſich mit 
einem Tablett Berliner Pfannkuchen durch das verdunkelte Theater. Wir kauften jeder 
einen, sie schmeckten nach altem Rüböl und waren mit Muß gefüllt .. . 
In meinem is gekaaft Schmier“, sagte die Frau hinter uns. : 
„Besser wie nix,“ meinte die Nachbarin ... Dann begann wieder das Stück. Ich 
sicherte bereits, denn im dritten Akt trat die Hirſchkuh auf ... Ein Wald tat ſich 
auf, mit hohen Eichen, und einer Höhle, und richtig, ein feines Klingeln erſcholl und 
aus der Höhle trat ein Reh; mir verſchlug der Atem, so nahe war ich noch nie einer 
Hirſchkuh gewesen. Sie lief an einem Drahtseil über die Bühne und hatte ein Schellchen 
um den Hals und sah den Rehen, denen ich morgens im Dudweiler Wald begegnete, 
sehr ähnlich... Genofefas Stimme ertönte. Sie sang ein Lied in ihrer Höhle. Eine 
Klage über ihr trauriges Los. Die Frau hinter uns war zu Tränen gerührt... Da 
rauſchte es in dem Blätterwald, das Gebüſch teilte sich und Golos Jägerhut ſchaute 
liſtig heraus. Er trat vor die Höhle und bat Genofefa, herauszukommen.... ,„Jch 
kann nicht,“ antwortete die traurig sanfte Stimme, ,,ich schäme mich meiner Blöße... ." 
SK Il2 UN HLUL.! gr uE mit her Ooh Mcp hic c UU 
darauf trat Genofefa heraus, den Rittermantel schämig um eine sehr solide, ſchwarze 
Trikotbluſe gezogen und fragte Golo, was er von ihr wolle... Golo betrachtete die 
schöne, bleiche Gefangene mit Schadenfreude, und fragte, ob sie noch nicht genug von 
ihrer Einsamkeit habe. Aber sie drückte den Knaben an ſich und antwortete feſt, nein, 
ſie wolle lieber sterben . .. als seine Gattin werden... Er näherte ſich ihr mit solcher 
Heftigkeit, daß ein Baum dabei umfiel..., der Waldboden knarrte unter Golos 
wuchtigen Stiefeln, an denen große Sporen klirrten, er riß einen Dolch aus der Scheide, 
das Kind begann zu weinen, Genofefa verteidigte ihre Tugend, flehend, ihr doch das 
Leben zu lassen, aber: ja oder nein, schrie er in höchſtem Zorn und erhob das geschliffene 
Messer, seine Augen rollten, sein Jägerhut flog zu Boden, er schnaubte, wütete, raſte, 
klirrte in Waffen, aber Genofefa bog sich zurück und schaute zum Himmel auf und blieb 
bei ihrem feſten Nein... Lieber sterben! „Nun, so stirb,“ schrie Golo zornesrot und 
das NMeſſer fuhr, begleitet von einem Schrei aus vielen Kehlen, der armen Frau mitten 
durch die Bruſt. ... Nun war das Drama eigentlich aus. Aber der vierte Akt mit dem 
Paradebett hielt die Zuſchauer noch fest. Diese Pauſe war ungewöhnlich lang, ein 
Gepolter hinter der Bühne verriet große Verwandlungen, während draußen die Orgel 
von neuem meckerte: „Früh morgens, wenn die Hähne krähn .. ." Sie hatte nur dieses einzige 
  
§ „Die kommenden Geſchlechter werden ſich an den Kopf greifen, k 
s daß Staatsmänner in der Täuſchung befangen waren, aus § 
Deutſchland ein europäiſches Marollko machen zu können, obne 
ß Europa zu Beltändigen Kriegen zu verurteilen.‘ ü 
| . 
Ziſtoriker Vrof. Ferrero im Mailcinder „HBecolo 
(3. DezembBer 1921). 
 
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.