Full text: 1928 (0006)

  
Saarkalender für das Jahr 1928 
I 
Die Schatzgräber von Landsweiler. 
Nach einer wahren Begebenheit von R. Rudolf Rehänek. 
Brauſend fährt der vom Hochwald kommende Nordsſturm durch die Talſchaften der 
Blies, fegt mit Geheul durch die Wälder, die sich dem König der Saarberge, dem Schaum- 
berge, vorlagern und zauſt an den Strohdächern der einfachen Bauernhütten, daß der 
Neuſchnee wie feines Pulver durch die Luft stäubt. 
Im Holzſchober eines abseits vom Dorfe gelegenen Gehöfts schwingt „Vetter Peter“ 
"die Axt, um sie in wuchtigen Schlägen durch die knorrigen Buchenscheite zu treiben. In 
die Arbeit vertieft, bemerkt er nicht das Nahen zweier Gestalten, die vom „Kohlwalde“ 
auf das Gehöft zuſchreiten. 
„Helf Euch Gott! Bauer.“ 
Erſchrocken läßt der Holzhauer die Axt fahren und starrt auf die Ankömmlinge. 
Der Aeltere der Beiden, ein hagerer, in den 30er Jahren stehender Mann, dem ein 
unstetes, bewegtes Leben unvergängliche Spuren in das bärtige Gesicht gegraben, ver- 
zieht gutmütig lächelnd den Mund und meint dann entſchuldigend: 
„Ja – Bauer, das Hundewetter treibt einen zum Galopp, wenn sich irgendwo ein 
qualmender Kamin als Zeichen wohligen Unterſchlupfs zeigt. Also nichts für ungut 
wir wollten Euch nit erſchrecken.“ 
„Mur halb so schlimm“, knurrt Vetter Peter, „aber wollt Ihr nicht in die Stube?“ 
~ „Ihr habt's wohl nötig“, fügt er dann hinzu, als er sieht, daß die Beiden zögern und 
zeigt auf den jüngeren der Wanderer, ein ſchmächtiges Bürsſchchen mit hohlwangigem 
Gesicht, dem in der armſeligen Kleidung die Glieder ſchlottern. – –~ –~ 
Bei einer warmen Suppe beginnen die halberfrorenen Glieder aufzutauen, und 
man kommt in Unterhaltung. +– Von Tholey kommen sie, wo sie als Rötelhändler ihr 
Standquartier hatten und dort überwintern wollten – wenn nicht vergangene Woche 
ihre armſelige Strohhütte ein Raub der Flammen geworden wäre. Nun wollten sie 
weiter ſüdlich, ins Lothringer Land, wo sie bei Verwandten Unterkunft bis zum Frühjahc 
zu sinden hofften. – Der alte Rötelhändler, der mit abwesendem Blick diese Erklärung 
bruchweiſe gegeben, springt plötzlich auf und zeigt durch die kleinen Butzenſcheiben in 
rien Winkel, aus dem unter Heckengestrüpp etliche verschneite Mauertrümmer hervor- 
auen. 
„Bauer, hat dort nit der alte „Gätzenrächer“ g'’hauſt, der anno 1638, als die Kroaten 
durchs Land zogen, seine Brüder verraten und dann den Judaslohn so vergraben hal, 
daß er ihn selber nit mehr finden konnte und dann seinem lumpigen Dasein mit dem 
Leibriemen an jener Pappel ein Ende g’'macht hat ?“ 
Gebannt hat der Bauer den Worten gelauſcht und schlägt bei den letzten Worten 
furchtſam drei Kreuze. – Sinnend aber fährt der Rötelhändler fort: 
„Richtig, ~ das ist die Stelle, wo das Haus des Verräters geſtanden und über deſſen 
Gemäuer die Brandfackel des endloſen Krieges brauſte. – So ists alſo doch mein 
Glücksstern gewesen, der mich von meiner verbrannten Hütte hierher führte, um nun 
für immer der Not den Rücken zu kehren. – Wißt Bauer“ spricht er dann mit erhobener 
Stimme, „in Euerm Grund und Boden liegt der Schatz des „Gätzenrächers“ – hört - 
17 000 Gulden in lauterem Golde sind hier vergraben!“ : 
: Ungläubig hat der Bauer zugehört ~ unfaßbar iſt für ihn die seltſame Erzählung 
des Fremden. Aber haben nicht ſchon die Alten erzählt von jenem „Gätzenrächer“ und 
deſſen vergrabenem Schatze? -- Er steht dann etwas zögernd auf und folgt der Auf- 
forderung des Fremden. . . . . 
Unter geheimnisvollem Murmeln und Abzählen der Schritte iſt der Rötelhändler in 
den Garten gelangt, um dann vor dem uralten, knorrigen Birnbaume Halt zu machen. 
„Hier liegt der Schatz ~ der uns reich machen soll“, sagt er und macht ein Kreuzchen 
in den feſtgefrorenen Schnee. Dann kehren die beiden wieder in das Haus zurück, da 
man den Schatz ersſt nach Beginn der Geiſterſtunde heben kann. Der Bauer aber iſi 
f!zrifen v: gottaunel ~ Keller und Küche müssen herhalten, um ſich zu stärken 
für die große Stunde. . . . . 
~ Mitternacht! + Nit knarrenden Schlägen verkündet es die alte Wanduhr. 
Dem Bauer aber iſt's, als hätte die Uhr noch niemals ächzender diese Stunde angesagi 
D die Stunde seines Glückes? ~ Er will ein Wachslicht anstecken – aber mit barſchen 
  
  
  
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