Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
  
  
Wohl bekomm'’s. Ein Studienrat ſchreibt: Während des Weltkrieges waren auch gefangene Ruſſen zur 
Arbeitsleiſtung auf den Saargruben kommandiert. Durch die ſtändigen Fliegerüberfälle beunruhigt, ſah ſich 
die Leitung einer höheren Lehranſtalt genötigt, die wisſenſchaftlichen Inſtrumente und die in Spiritus auf- 
bewahrten Präparate in den Keller ſchaffen zu laſſen. Zu dieſem Zweck mußten die Ruſſen helfend eingreifen 
und die Schätze in den Keller tragen. Als alles an Ort und Stelle war und das Lehrerkollegium nach den 
Schätzen ſehen wollte, machen ſie die merkwürdige Entdeckung, daß alle Präparate trocken in ihren Gläsern 
und Behältern lagen. D er g e ſ am t e Sp ir itu s w ar v er ſ < w un d e n ; ausgelaufen war er 
aber nicht. ! 
Dom alten Dr. L. ſchreibt mir ein Sulzbacher: „Ich fühlte mich ſehr elend und ging zu Dr. L. Er unter- 
ſuchte mich längere Zeit, ohne ein Wort zu äußern. Ich fragte: „Nun, Herr Doktor, wie ſteht es mit meinem 
Herzen?“ „Keine Sorge, lieber Freund, ſolange Sie leben, reicht's aus!“ Eines Tages kommt zu dem wegen 
ſeines trefflichen Witzes und köſtlichen Humors beliebten Arztes ein Patient und klagt über Schlafloſigkeit: 
„Das geringſte Geräuſch ſchreckt mich aus dem Schlaf, namentlich eine Katze im Nachbarhaus läßt mich nicht 
zur Ruhe kommen.“ Dr. L. ſinnt eine Weile nach: „Tja, mein Lieber, das iſt doch ſehr einfach.“ Er ſchreibt ein 
Rezept und gibt es lächelnd dem Patienten: „So, das holen Sie aus der Apotheke und geben es der Kage, 
dann haben Sie Ruhe.“ 
Altſaarbrücker Sparſamkeit. Wie ſparſam die Wohlhabenden im alten Saarbrücken waren, iſt unſern 
Leſern durch die Tatsache, daß jene ihren Zucker abends mit ins Kaſino nahmen und ſich das nötige Waſſer 
dort zum Herſtellen ihres Zuckerwaſſers geben ließen, ſchon lange aus dem „S a ar k a l en d e r“ bekannt. 
Unter den Sparſamſten war der Besitzer des Eſchringerhofes, der dazu mit einer Tochter, Luiſe, geſegnet war, 
die einen Mann brauchte, aber ſelbſtverſtändlich einen ganz ſparſamen. Da wurde dann geſiebt, Ställe und 
Liegenschaften der Söhne besitzenden Nachbarn besichtigt, hin und her erwogen, bis zum Schluſſe ein Heirats- 
Kandidat aus der weitverzweigten Familie der Wahlster als der geeignetſte erſchien. Es galt nur noch ſeinen 
Sparſamkeitsſinn zu prüfen. Alſo wurde er auf den Hof beſtellt und war nach der Prüfung auch zum Schluſſe 
damit einverſtanden, daß er das „CLuwißje“ als eigentlich ganz überflüſſige Beigabe mit in Kauf nehme. In- 
zwiſchen war's dunkel geworden und der Alte und ſein Eidam in der Wohnſtube, der beſten Stube im Hauſe, 
angelangt. Der Alte ſtellte die Stallaterne, die beiden bisher geleuchtet hatte, auf den Tiſch, öffnete die Ofen- 
türe und blies die ,Stallander“ aus, um das teure Brennöl zu ſparen. Dann begann ſo ganz geſprächsweiſe 
und unauffällig die weitere Prüfung, die jedenfals zu Gunſten des Kandidaten ausgefallen war, wenn man 
den Worten des Daters an ſeine Tochter Glauben ſchenken darf: „Denne doh nemmſchde! So ſparſam is känner 
meh! Ei, was mennſchde, wie m’r ſo im Gespräch ware, zieht 'r langſam ſei Wamſch un ſein Schilleh aus, fors 
während dere Zeit nit abzenutze, ſteht uff, macht die Owedier zu un ſaht: ,ich menn, bei unserm Gespräch 
könne m'’rs Licht ſpare, es koſcht ſo ſchunn genuch Geld!“ un wie m'’r ferdig ware met unserm Geſpräch unn 
ich die Owedier widder uffmache, for ze leichhe –~ denk emol ahn! — doh hatt 'r ſogar ſei 
Strimp un Schuh un die Buchſe ausgedohn gehatt! So e ſparſamer Minſchh Dä nemmſchde!“ ~ Und's 
Luwißje nahm ihn! ; | C. Sch. 
Der alte Walter – Friede ſeiner Aſche – er hat mir manches Paar Schuhe angemeſſen –~ mit dem Papier- 
ſtreifen damals noch —~ in welchen ich tatſächlich laufen konnte. Fauſtdick hatte er es hinter den Ohren. Nur 
zu lebzeiten ſeiner Frau, man weiß ja, wie das iſt, konnte er nie ſo recht aus ſich heraus, und wenn er mal 
nach Schuſterbrauch Montags ſeinen blauen machte, dann bekam man ihn beſtimmt danach 14 Tage lang über- 
haupt nicht zu ſehen. Dann aber, als ſie ihm endlich die „ewige Ruhe“ gegönnt und geſtorben war, nahm 
er die langſt verſtaubte Gitarre von der Wand, zog damit in die „G r ü n e H a n d“ in der Hintergaſſe zu 
gleichgesinnten Genoſſen und begann erſt eigentlich ſein Leben: ſang Schelmenlieder, lachte und gab luſtige 
Rätsel auf. I<h war als junger Mann oft dabei und entſinne mich einiger: Was iſt das: es hängt ahm Quetſche- 
baam, is blau un hat e Quetſchekäär in dr Mitt?“ Natürlich riet jeder auf eine Zwetſche. Weit gefehlt: „Das 
is e bayriſcher Soldat, der wo vorher e Quetſchekääre verſchluckt hat!“ (Au!) Zum zweiten: „Was hängt uff m 
Quelſchebaam, hat zwei Fieß un is ſchwarz?“ Also: ein Rabe? — „Nein, dem Soldat ſeine Stiefel!“ Und Jo 
weiter! Aber an cinem ſchönen Tag, als das Schelmenleben ſo recht ſeinen Höhepunkt erreicht hatte, hatte 
Walter ſich ſtark übernommen. Folglich wurde ihm auf dem Nachhauſewege, geſtütt von zwei Kumpanen, 
unwohl mit Revolution. Wie er weiter will und ſich grade aufrichtet, ſieht er im Duſel ſeines Freundes 
Willem kleinen Mops vor ſeinen Füßen. „Du“, lallt er, „Du Willem, kannſchde mir nit ſahn, wo ich denne 
Hund verſchluckt hann?“ 
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch zweier Frauen aus der Probſteigaſſe, der Frau Meyer, die 
taub war, es aber nie zeigen wollte, und der Huwer, die 24 Stunden ohne aufzuhören ſchwähßen konnte. Die 
beiden treffen ſich am Herrgottsbrünnle. Die Meyer: „Gumorje, ich war in Emmels gewähn!“ (Damals ein 
kleines Geschäft am Markt.) „So?“ erwidert die redſelige Huwer, ,,. scheen Wetter heitl“ ,„Ioo“, meint die 
ſchwerhörige Meyerſch, „ich han Hering kaaft!“ „Ei“, pocht da die alte Schwätzeerin Huwer auf, , hörſt nit, ich 
han doch geſaht, es wär' ſcheen Wetter heit!" Die Taube, die Hand am Ohr haltend: „Fünf Penning kaſcht 
änner! Dic redeluſtige Huwer erregt: „Na, Meyerſch, heerene denn garnix meh? Ich ſchwät doch vum Wetter!" 
„Jje, ije“, iſt die Antwort, ,ich lege ſe in!“ Die Huwer, über das Fehlſchlagen jedes Klatſches erboſt: ,„Ach, 
was leiht mi an eire Hering! Wanner dann gar nit heere kenne, dann = rutſcht mir den Buckel nunner!“ 
Die Meyer, ſich nach ihrer Gewohnheit den Mund mit dem Schürzenzipfel wiſchend: „JIje, ije, das is immer 
norh das billigſt Nachteſſen, wo m’r han kann!“ CT. Sch. 
Franzöſiſche „Kriegstrophäen“. Wie der „Saarbrücker Zeitung“ von einem Augenzeugen berichtet wird, 
hat man in Pariſer Muſeen eine Reihe von Kriegervereinsfahnen aus dem Saargebiet, die bei Einzug der 
Beſatßungstruppen beſchlagnahmt worden waren, als „Kriegstrophäen“ ausgeſtellt. Unter dieſen dürfte ſich auch 
bie Kriegervereinsfahne von Wallerfangen befinden, die bekanntlich Herr Urban Fabrier auf recht eigenartige 
 Weiſe = „,,eroberte“! Armes franzöſiſches Volk, das so von seinen Militärs belogen und betrogen wird. 
  
 
	        

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