Full text: 6.1928 (0006)

  
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Saarkalender für das Jahr 1928 
  
  
  
Die Wohltat. Nil humani a me alienum, ſchon die alten Römer hatten ſich zu dieſer ſchönen Lebens- 
erkenntnis aufgeſchwungen, die etwa heißt: Nichts menſchliches liege mir fern. Auch ich huldige dieſem Grundsatz 
und hatte es nie zu bereuen. Don Bingerbrück fahre ich nach Saarbrücken, der Zug iſt ſchlecht beſettt, ich ſitze 
mutterſeelenallein, bis in Kirn eine jüngere, recht blaß aussehende Dame ins Nebenabteil ſteigt. Der Abſchied 
von den Bekannten erſchöpft ſich in mitleidvolen Worten: „Du tuſt uns so leid mit deinen Magenſchmerzen, 
du ſiehſt ganz elend aus“ uſw. „Wenn ich nur das Kullern im Leib nicht hätte,“ tönt es zurück. Der Zug 
ſett ſich in Bewegung, „gute Besſerung“ rufen drei, vier Stimmen, und wir dampfen weiter. Ich drücke mich 
in die Ecke, vertiefe mich in die „Saarbrücker Zeitung“, höre aber von Zeit zu Zeit die magenleidende Dame 
ſeufzen. Plötzlich ſchrecke ich auf, vom Nebenabteil vernehme ich aber deutlich die beſänftigenden Worte: ,.Ach, 
iſt das eine Wohltat!“ Kurz darauf dasselbe Erlebnis und wieder als Echo: „„Ach, iſt das eine Wohltat!“ Al- 
mählich wird mir aber die Sache doch zu bunt und ich erhebe mich möglichſt geräuſchvoll, die Nachbarin taktvoll 
auf meine Anwesenheit aufmerkſam zu machen. Beſtürzt ſpringt auch ſie auf und richtet verlegen an mich 
die Frage: „Sind Sie ſchon lange hier?“ ~ ,,Ia, seit der ersten Wohltat,“ da blieb es ſtil bis Saarbrücken. 
Der vertriebene Gerichtsvollzieher. Dor zirka 30 Jahren wohnte in F e < i n g e n ein Handwerker, der 
von auswärts zugezogen war. Er war das Gegenstück von den Alteingesſesſenen, die durch Fleiß und großen 
Sparſamkeitsſinn bekannt ſind. Obwohl er ein vermögendes Mädchen aus dem Dorfe geheiratet hatte, geſtalteten 
ſich ſeine Derhältniſſe ungünſtig. Schließlich eröffnete er einen Kramladen, in dem er aber bald infolge der 
Fonkurrenz mit Derluſt arbeitete. Das Ende vom Liede war, daß er öfters Beſuch vom Gerichtsvollzieher erhielt. 
Eines Tages ſah er dieſen nie gern geſehenen Mann im Dorfe und ahnte, daß er auch wieder zu ihm kommen 
würde. „Wie werde ich ihn heute wohl los,“ mag er gedacht haben und es kam ihm ein rettender Gedanke. Er 
ging ſchnellen Schrittes nach Hauſe, ſchraubte die Türklinke vom Wohnzimmer los, machte ſie im Ofen heiß 
und mit Hilfe der Beißzange wieder feſt. Er erreichte tatſächlich das, was er wollte. Der ,„Hißje“ verbrannte 
ſich, zum erſtenmal wohl in seinem Berufsleben, gründlich die Finger. Ein gerichtliches Nachspiel stellte ſich aber 
auch ein, und der erfinderiſche Krämer wurde exemplariſch beſtraft. 
„Ich mach's wie der Schmied von Ranſchbach.“ In den Nachbarortſchaften von Bliesransbach wird im 
Dalksmunde die vorſtehende Aeußerung angewandt. Ich vernahm sie in Kleinblittersdorf, und als ich nach 
dem Ursprung fragte, wurde mir folgende Sage erzählt: Der Schmied von Bliesransbach hatte keine Ausgficht, 
in den Himmel zu kommen, da ſein Erdenleben nicht einwandfrei war. Aber es gelang ihm doch, das Ziel 
vieler Bewohner dieſes Planeten zu erreichen, und zwar auf eine recht pfiffige Art. Als er nämlich nach ſeinem 
lezten Erdenſtündchen an das Himmelstor kam, ſchmiß er seinen Hut auf die Mauer ins Innere des Paradieſes. 
Den auf sein Läuten öffnenden St. Petrus bat er ſodann recht freundlich, ſeinen über die Mauer geflogenen 
Hut zurückholen zu dürfen. Dies wurde ihm gnädigſt gewährt. Wie nun aber der kluge Schmied das Tor 
pasſiert hatte, vergaß er ſofort das Zurückkehren und er war im Himmel. 
Die Vorteile einer Grenzbevölkerung. In einem Ort hart an der französſiſchen Grenze wohnte ein Bergmann, 
der ziemlich verſchuldet war. Der Gerichtsvollzieher war ihm mit einem vollſtreckbbaren Schuldtitel auf den 
Ferſen, bisher aber immer vergeblich. Eines Tages erfuhr der Beamte, der Schuldner habe zwei fette Schweine 
im Stalle. Den Schweinehändler markierend, begab ſich der Gerichtsvollzieher eines Tages, den Schuldtitel in 
der Taſche, zu dem Bergmann. Man begibt ſich in den Stall. Dort ſtehen die beiden Borſtentiere. Der Beamte 
kann ſich nicht mehr halten. Er langt in die Taſche, holt den blauen Vogel heraus, legitimiert ſich als Gerichts- 
vollzieher und will zur Pfändung schreiten. Nun wird der Schuldner aber munter. „Hier wird nichts gepfändet, 
mein Herr“, bedeutet er dem Beamten, „d er St a l 1 ſte h t a u f f r anz ös i ſ c em Bo d en, die 
Sch we in e e b e nf a I 1 s.“ Es war in der Tat ſo, wie der Mann sagte; denn die Grenze trennte tatsächlich 
das Haus in deutſches und franzöſiſches Gebiet. Unverrichteter Sache mußte der Gerichtsvollzieher abziehen. 
Weidmänniſches aus alter Zeit. ,„Liſte der gejagten Sauen im Jahre 1777.“ Nach einer Aufzeichnung des 
Landjägermeiſters Leonhardt von Fürſtenrecht wurden im Iahre 1777 im ganzen 62 Sauen gejagt. Die Wald- 
gründe liegen zwischen Saarbrücken, Neunkirchen und Ottweiler; ſie ſind meiſt nicht mehr bekannt. Des öfteren 
erwähnt iſt der Saarbrücker Saufang, der Blockersberg, die Kießeiche, Hambüchen, Roth, Schiedeborn, Gerſtners- 
haus, Iägersfreuder Relais, Lorys Weiher, das Heyderkopfer Feld, die Weilersbacher Brücke, Hüttenbergers 
Fußpfad, Im Dürmel, Bickelmannshaus, das v. d. Leyhenſchen Kohlengrubhaus, der Lattenbüſcher Schlag, das 
Zeughaus Neunkirchen, die Schloßbrunnenſtube, der Frau v. Ludwigsberg ihr Wies und Herres-Ohr. Unter 
Ur. 22 heißt es:. „Den 26. April im Freyen in den Enten-Pfühlen eine dreyjährige Sau angejagt, welche 
von der Frau v. Ludwigsberg mit dem Piqueur Dürrfeld bei Bickelmannshütte mit 10 Hunden gefangen 
worden; hat geloffen 3 Stunden; 2 Hunde geschlagen; 1 todt.“ K. W. 
Der überliſtete Halsabſchneider. Ein berüchtigter Wucherer wollte einen Landmann aus dem Kreise Merzig 
vfänden laſſen, doch fand der Gerichtsvollzieher nur eine Kuh vor, die er dem Schuldner als notwendiges 
Inventar laſſen mußte. Da trifft auf einem Diehmarkt der Wucherer ſeinen Schuldner, bemitleidet ihn ob seiner 
Notlage und meinte, da er ſo viel verliere, käme es ihm auf ein paar Taler auch nicht an. Als Beweis ſeiner 
Großmut schenkt er dem Bauern eine Ziege im Werte von 25 Mk. Dieſer eilt glücklich mit dem Geschenk zum 
Dorfe. Hier verbreitet ſich ſchnel das Gerücht von der Beſißvermehrung des Genoſſen und der Name des Gebers 
wird bekannt. Der schlaue Ortsvorſteher aber merkt jedoch die Abſicht des MWucherers und gibt ſeinem Freunde 
den Rat. die Ziege ſchleunigſt zu schlachten, da sſonſt die Kuh für den Gerichtsvollzieher ein pfändbares Objekt 
ſei. Geſagt, getan. Am nächſten Morgen ſchon erſcheint der Gerichtsvollzieher, wohlunterrichtet, daß auf dem 
Hofe neben der Kuh eine melkbare Ziege vorhanden ſei. Siegesbewußt jedoch meldet der Bauer, daß er die 
Ziege gleich nach der Heimkehr habe ſchlachten müſſen, da ſie ſich im Stalle ein Bein gebrochen habe. ~ Der 
Wucherer, deſſen Namen ich hier nicht verewigen will, bekam zunächst einen Wutanfall, ſchwor dann aber hoch 
und teuer, nie wieder von seiner Menſchenliebe Gebrauch zu machen. 
C I H .
	        

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