Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
Reparatur ſtehengebliebenes Gerüſt in den 
Dachbindern findet Matz mit einer 15 Zenti- 
meter dicken Staubſchicht vor. Während 
Mat herumktlettert und die Zimmerer auf 
den nahen Holzplatz gegangen ſind, Gerüſt- 
holz zu holen, kommt der Oberſsteiger als 
Kommandeur zur Sgchachthalle herein, 
angetan mit seinem „Sonntagsfrack“, um 
noch ſchnel vor dem Kiirchgang die 
Arbeiten zu inspizieren und ,Dampf 
dahinter zu machen“. Da er an der 
Arbeitsstelle niemand antrifft, hebt ein 
großes Wettern und Fluchen an, wobei 
Matz als Kameradſchaftsälteſter den 
größten Teil erleiden muß und er ſogar 
neben anderen Verbalinjurien ſich auch 
das friend Beiwort Kamel gefallen 
asſen muß. 
Matz sitzt nun gerade auf dem alten 
Gerüſt, direkt 6–7 Meter über dem 
ſchimpfenden Obersteiger und wurmt ſich 
gewaltig über den verzerrten zoologischen 
Vergleich, denn ein Kamel trinkt wirklich 
nur Wasser und über Matens Lippen 
kommt Wasser nur, wenn es ihm im 
Schacht bei der Arbeit in den „Schnurres“ 
rinnt, oder wenn er beim Baden unter der 
Brauſe nach Luft ſchnappt, oder – wenn 
daheim seine Frau ,Riwelchesſupp“ mit 
Wasser gekocht, ein bekanntes Gericht, auf 
den Tiſch bring. Matz sitt auf den 
Gerüſtdielen und frißt seinen Aerger in 
ſich hinein. Die Galle tritt ihm ins Blut 
und löst in seinem Gehirn einen Gedanken 
aus, den er sofort in die Tat umsetzt. Er 
kippt die drei Bohlen um, und der darauf 
lagernde Staub rieselt über den unten 
tobenden Oberſsteiger, diesen und die nächste 
Umgebung in eine undurchdringliche 
ſchwarze Staubwolke hüllend. Gräßliche 
Flüche tönten aus dem Dunkel der Staub- 
wolke, die aber bald in ktullerndes, 
puſtendes Geräuſch übergehen. Mat ſteigt 
ſchnell durch eine Luke aufs Dach und 
über die Außentreppe zum Eingang der 
Schachthalle. Da kommt auch ſchon eine 
rabenſchwarze Gestalt fauchend wie ein 
Walroß aus der Halle hervorgeſtürzt, 
schwarz wie ein Neger, in allen Gesichts- 
öſfnungen dicker, feiner, ſchwarzer Staub. 
as helxeuzigt sich und murmelt: ,Der 
erggeiſt“. 
Stumm ohne aufzublicken rennt der 
„Berggeiſt“ in die Badeanſtalt, die er erſt 
nach Verlauf zweier Stunden wieder ver- 
läßt, um nun, angetan mit dem Fahr- 
anzug, die Reparaturarbeiten zu über- 
wachen. Ein Teil des Daches iſt inzwiſchen 
abgedeckt und die Schlosser sind fleißig 
beim Arbeiten. Da ſpielt das tüchkiſche 
  
  
Objekt dem DOberſteizter den gzzweiten 
reich. 
Die Schlosserkolonne hat eine Handbohr- 
maſchine mit elektriſchem Antrieb in Be- 
nutzung. Der elektriſche Strom wird vom 
Stecker aus mittels eines Panzerkabels 
zur Bohrmaſchine geleitee. War nun das 
Kabel defekt, oder, da aus dem Kriege 
sſlammend, minderwertig, kurz und gut, 
das Kabel liegt auf dem eiſernen Platten- 
belag der Schachthalle und zwar noch im 
Wasser, sodaß der ganze Bodenbelag unter 
elektrischer Spannung iſt. 
Wie nun der Oberſteizgter aus dem 
Schienenſtrang mit seinen g,,genagelten 
Trittchen“ auf den eisernen Bodenbelag 
tritt, fängt er, ohne äußerlich erkennbare 
Urſache, laut ſchreiend, einen Indianer- 
lanz an, er springt von einem Bein auf 
das andere, der Schreck raubt ihm die Be- 
sinnung und immer verzerrter und haſtiger 
werden seine Bewegungen. Aus dem Gitter- 
werk des Daches ſpähen die Knappen 
verſtehen sofort die Situation – und 
brüllen vor Lachen. Der Obersteiger er- 
kennt die Lage, springt mit einem Satz 
zwischen die Schienen und rennt davon, 
als sei der Leibhaftige hinter ihm her. 
Aus der Schachthalle dröhnt das Lachen 
der Knappen und ganz zuletzt hört man 
Matzens tiefe Stimme, atemringend, 
sſlöhnend: „Ach Gott, mei Bauch!“ 
Den ganzen Vormittag iſt der Ober- 
ſteiger nicht sichtbar. Kunde dringt aus der 
Kaffeeküche, der Gewaltige sitzt feſt und 
zecht, ertränkt seinen Aerger in Fluten 
edlen Gerstensaftes, ſinnend auf schlimme 
Rache, die angetane Schmach abzuwaſchen. 
Ein Lächeln erhellt die düſteren Züge und 
um mehrere Liter Bier beſchwert, verläßt 
er die gaſtliche Stätte, um noch vor Feier- 
abend die Frevler zu ſtellen. 
Rechts vom Eingang der Schachthalle 
ste nt in direkter Verbindung mit dem 
Eisengerüſt der Halle ein kleines, nützliches 
Häuschen aus Eisenblech, groß genug, einen 
Mann aufzunehmen. Der Oberſteiger naht, 
ſpuckt, räuſpert sich. Um durch keine Be- 
ſchwerden bei der bevorsſtehenden Ab- 
rechnung gehemmt zu sein, betritt er vor- 
her noch das Häuschen aus Eiſenblech, ver- 
harrt darin eine Weile reglos, dann er- 
lönt ein markerſchütternder Schrei. Mit 
geſträubtem Haar und wild craollenden 
Augen stürzt der Obersteiger daraus 
hervor, rennt wie ein geprügelter Pinscher, 
ohne sich umzuſchauen, über den Zechen- 
platz seiner nahegelegenen Wohnung zu ~ 
und ward nicht mehr geſehen. Matz und 
die zuſchauenden Knappen ſehen mit 
  
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